10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
im angrenzenden Dokumentati- onszentrum, das in die Ausstellung integriert und durch geschlechts- Spezifische Angaben erweitert wurde, führt in die Irre. Es vermit- telt einen sauberen und aufge- rãumten Eindruck, der im direkten Gegensatz zu den Aussagen der Uberlebenden steht.
Der zweite Teil der Ausstellung konfrontiert die Besucherlnnen mit den Biographien und Fotos dieser Frauen. Sie verbergen sich in grauen, lebensgroßen und nur halb aufgeklappten Leinwand- etuis. Von außen sehen die Behãlt- nisse alle gleich aus. Innen offen- bart sich ein jeweils individuelles Schicksal. Die Form der Präsenta- tion ist Verweis auf die doppelte Verneinung von Identität: erst durch die Nationalsozialisten und später durch die nachkriegsdeut- Sche Praxis, die Opfer als Leichen- berge und Zahlenkolonnen wahr- zunehmen. Die Zerstõrung des In- dividuums war integrativer Be- standteil des Terrorregimes, vom willkürlichen Entzug der Bürger- rechte bis zur völligen Isolation und stãndigen Erniedrigung in den
Lagern. Dazu gehörte auch die Ni- vellierung äußerer Unterschei- dungsmerkmale, die gerade von den Frauen als besonders schmerz- haft empfunden wurde:„Wahr- scheinlich war das Abrasieren der
Haare doch letzten Endes das PTraumatischste. Man fühlt sich vollkommen nackt, verwundbar und zu einem absoluten NIE- MAND reduziert“, erinnert sich eine ehemalige Insassin. Wieder andere berichten, was es bedeutet, sich nicht waschen und pflegen zu können, statt dessen verlaust un mit vollgeschissenen Hosen im ei- genen Dreck vegetieren zu müs- sen.
Fotos, kurz nach der Befreiung aufgenommen, illustrieren diese Aussagen im dritten Teil der Aus- stellung. Auch auf ihnen haben die Opfer Gesichter: zerschlagene, kranke, abgemagerte, verdreckte Frauen, denen in einigen Fällen— und das ist vielleicht das Erstaun- lichste— sogar ein Lächeln gelingt. Frauen, die sich zum Kartoffel⸗ schälen zusammengesetzt haben, wenige Meter hinter ihnen ein Lei- chenberg: EFinblicke in den Zu- stand der võlligen verwahrlosungW in dem sich das Lager Bergen-Bel- sen in den letzten Monaten vor der Befreiung befunden hatte. Die Le- bensbedingungen führten letztlich zu Ich-Verlust und Apathie:„Ich möchte gern irgend etwas Ange- nehmes und Asthetisches fühlen, hohe zarte Gefühle erwecken, würdiges Empfinden. Es ist schwer. Ich strenge meine Vorstel- lungskraft an, aber es geht nicht.


