Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
die togesꝛeitung N freitog 17 uni 1994
„Mlles Menschliche uui Mull reduziert“
Gegen die Tradition von Nummern und Namenslisten/ Die Ausstellung Frauen in Konentrationslagern? zeigt, daß auch Opfer ein Geschlecht haben
Bergen-Belsen: Kiefern, Bir- ken, Heidekraut. Direkt vor dem Lagergelände säumen Kasernen die Straße, abgesichert mit Sta- cheldraht und großformatigen Warntafeln„Achtung, Wach- hunde im Einsatz!“ Ausgespro- chen klein und diskret dagegen sind die Hinweisschilder, die den Weg zum Konzentrationslager weisen. Freundlich neutral be- zeichnen sie es als Gedenkstätte“. „Wir nannten Auschwitz das Vernichtungslager und Bergen- Belsen das Verreckungslager“— Erinnerungen von Margot Vetro- cova, die beide Höllen überlebte. Sie und andere ehemalige Insassin- nen aus Bergen-Belsen und Ra- vensbrück kommen in der Ausstel- lung„Frauen in Konzentrationsla- gern“ zu Wort. Sie durchbrechen die Vberlieferung der Opfer als ge- sichts- und geschlechtslose Masse. Und sie verweisen auf ein Ver- Sãumnis der deutschen Nationalso- Zialismusforschung, die lange Zeit inhaftierte Frauen als zu vernach- lãssigende Größe betrachtet hat.
N Von Sonju Schock und Udo buschendoriy
Sie wurden quasi als Anhängsel behandelt; Erkenntnisse über die Situation männlicher Häftlinge wurden unhinterfragt auf die Frauen übertragen. Daß aber die verfolgten Frauen allein nume- risch betrãchtet keine zu vernach- lãssigende Grõße sind, hat die So- ziologin Gudrun Schwarz in ihrer Arbeit über„Die nationalsozia- listischen Lager“ eindrucksvoll herausgearbeitet. Sie fand heraus,
daß mehr als ein Viertel der unge-
fähr 1.200 nationalsozialistischen Lager reine Frauenlager waren.
In Bergen-Belsen wurde erst im August 1944 ein Frauenlager ein- gérichtet. Die ersten Frauen waren polnische Zivilistinnen, die nach dem Warschauer Aufstand nach Deutschland deportiert wurden. Es folgten Jüdinnen, Sinti und Roma und Widerstandskämpfe- rinnen aus fast allen europãischen Ländern. Viele waren von Auschwitz aus als Arbeitskräfte nach Bergen-Belsen gebracht wor-


