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(2020) 1/2020. Januar 2020
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26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

wohl von seiner Profession her als auch im Ergebnis Sonderkommando-Prinne- rungen in Form von anspruchsvoller bil- dender Kunst überliefert hat. Der be- gabte Maler wurde aufgrund seines Ta- lents und seiner Sprachkenntnisse von der Krematoriums-SS als privater Auf- tragsmaler und Ubersetzer ausgenutzt und für diese Dienste wie ein privile- gierter Vertrauenshäftling behandelt. Auch andere Häftlinge im Sonder- kommando versuchten, sich mit ihrem Talent ein Zubrot zu verschaffen, so por- trätierte etwa ein griechischer Häftling seinen Kameraden FHilip Müller, aber Olère war einer der sehr seltenen Fälle, die dafür von der regulären Arbeit frei- gestellt wurden und wie die Goldarbei- ter und der Uhrmacher im Sonderkom- mando einen separaten Arbeitsraum hatten. S0 verzierte, illustrierte und kalli- graphierte er auch die Korresponden? der Krematoriums-SS und malte deren Porträts, die womöglich noch heute in privaten Nachlãssen erhalten sind. Seinen Freiraum nutzte Olère für ausführliche Beobachtungen, die dank Seines fotografischen Gedächtnisses in seinen späteren Kunstwerken verewigt werden konnten. Durch seine Fähigkeit bewussten analytischen Beobachtens, verbunden mit seiner privilegierten Be- wegungsfreiheit, gelang es Olère, Berei- che im Mordbetrieb bildlich Zzu bezeich- nen und zu beschreiben, die nur weni- gen anderen Häftlingen überhaupt zu- gänglich waren. Dem ehemaligen Kapo Lemke Plis?ko zufolge fertigte der ihm unterstellte Olère auch illegale Zeich- nungen vonJoten und Erschossenen an, die mit anderen Aufzeichnungen 1944 auf dem Krematoriumsgelände vergraben wurden(laut Lucy Dawido-

wic? habe er erst in den letzten Tagen von Auschwit? damit begonnen; Spiritu- al Resistance, S. 140).

David Nencel, der privilegierte Uhr- macher im Sonderkommando, gab an, illegal angefertigte Pläne der Krematori- en selbst vergraben zu haben. Möglicher- weise stammten sie auch von Olère, der 1945 und 1946 fünf Pläne und OQuer- Schnittsansichten von Krematorium III vollstãndig gezeichnet oder Zum Jeil ski? ziert hatte. Auch der mit Olère gemein- sam aus Drancy deportierte Kamerad Herman Strasfogel wurde im September 1943 von anstrengenden Arbeiten befreit, allerdings mussten die Privilegierten im Sonderkommando bei personellen Eng- pãssen in Ausnahmefällen auch bei bela- Stenden Aufgaben mithelfen.

Im Sommer 2018 wurde nach einem überraschenden Archivfund Karen Taiebs erstmals bekannt, dass Olère Selbst am 12.10. und 29.11. 1943 zwei Briefe aus Auschwitz-Birkenau an seine Kontaktperson Monsieur Noel, Rue du Miroir d'Pau in seinen Heimatort Noisy- le-Grand verschickt hatte, während seine Bhefrau und sein Sohn in unterschiedli- chen Verstecken untertauchen mussten, und dass er von dieser Adresse, nur zwei Gehminuten von seinem 1937 bezoge- nen Wohnhaus entfernt, zwischen dem 25. 10. 1943 und 10.02. 1044 auch vier Brie- fe nach Birkenau geschickt bekam. Die- ses Privileg wurde nur sehr wenigen Häftlingen im Sonderkommando zuteil, hing aber vor allem mit einem perfiden Täuschungsmanöver der deutschen Endlöser' zusammen, das unter ande- rem fran?õᷓsische Juden in Auschwitz und deren Angehörige in der Heimat traf.

Olère war aber nicht nur ein beein- druckender Künstler, Ssondern selbst un-