40 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
gen galt in ihren let?ten Jahren und Jahr- zehnten der Brinnerung an ihren Vater und der Bewahrung an sein Werk. So hat sie das Adolf Moritz Steinschneider Archiv(AMs IA) gegründet(Siehe: www.steinschneider.net).
Am 20. August 1990 hat Musch nach einem Kinobesuch an die Frankfurter Rundschau einen Keserbrief geschrieben, der unseres Wissen nie veröffentlicht wurde. Bei der Hrauerfeier Ende Mai auf
dem EFschersheimer Friedhof wurde er von Freunden vorgelesen. Der Jext of— fenbart einige wesentliche Grundzüge ih- res Wesens. Im Gedenken an Musch ist er im Folgenden abgedruckt. Er ist auch un- ter www¶Steinschneider. net/aktuelles. htm zu finden. Dort sind auch die bemerkens- werten Trauerreden von Muschs Freun- den Horst Qlbricht und dem Schauspieler Peter Heusch nachzulesen.
Hans Hirschmann
Der Fremde Marie-Louise Steinschneiders Brief vom 20. August 1990
Gestern war ich im Kino. Es war seit Schr langer Zeit das erste Mal. Freunde hatten mich mitgenommen in„Das Le- ben ist schön“. Ich hatte von dem Him gehört-„musst du unbedingt scehen“ und gelesen, aber seine Wirkung ist offenbar in Worte gar nicht Zu fassen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich nach 50 Jahren immer noch so erschüttert und vollkommen aus der Fassung gebracht werden könnte, wie vor 30, 40 Jahren. Damals hatte ich beschlossen, mir solche Filme nicht mehr anzuschen. Ich dachte, in?wischen sei mir ein Panzer um die See⸗ le gewachsen und ich könnte alles aus- halten. Es war nicht so. Nach dem Ende des Hilms drängte ich mich als erste aus dem Saal, um mich in irgendeiner dunk- len Ecke aus?Zuweinen. Es gab aber kei- ne dunkle Ecke. Ich stand an eine Schau- fensterscheibe gelehnt, das Gesicht in den Armen verborgen und weinte und weinte. Jemand tippte mich von hinten an.„Alles in Ordnung?“ und ging weiter. Nein nichts war in Ordnung. Alles kam wieder hoch: all die Toten, die Ermorde- ten, Zwei davon meine, und der Tod die- Ses Vaters im Hilm, angedeutet nur durch eine Gewehrsalve. Nichts ist vorbei, nichts ist vergangen, nichts ist vergessen auch in hundert Jahren wird die Erinne-
rung fortdauern, Besonders wenn es sol- che Hilme gibt, die auch jüngere Men- schen, die diese Zeit nicht erlebt haben, zum Weinen bringen können. Man berei- tet Sich auf das nãchste Jahrhundert vor, man weiß nicht, wo man sich lassen soll vor lauter Feiern. Es gibt nichts zu feiern. Man sollte lieber still sein und sich vor- nehmen, das nächste Jahrhundert besser werden zu lassen als das vergangene. Mord, Vernichtung, Barbarei in einem Jahrhundert, das ein aufgeklärtes sein Sollte und man hat es fertig gebracht auch noch zum Ausklang dieses Jahrhunderts einen weiteren Krieg vom Zaun zu bre- chen und ein Land mitten in Furopa võl lig Zu Zerstören.
Blind von Iränen schlich ich die Irep- pe hinauf ins Freie. Port angekommen, fing mich jemand auf. Ein Fremder, fremd in diesem Land, ein Mensch. Ein Mensch unter lauter Fremden. Als sei dies die natürlichste Sache der Welt, drückte er mich an sein Herz und ich weinte an seiner Schulter. Er hielt mich fest bis ich mich beruhigt hatte. Er gab mir menschliche Wärme in dieser kalten Stadt. Ich danke Dir, Fremder. Solltest Du jemals diese Zeilen zu Gesicht be- kommen, bleib mir kein Fremder, sag mir Deinen Namen.


