Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29
hat auch gar nicht diesen Anspruch.
Gut stellt Schmelzer die Aktivitäten des„Rates der Gõtter“(Reprãsentanten der sechs großen Farbengesellschaften) in der Zeit vom August 1916 bis Dezem- ber 1925(endgültige Gründung der IG Farben) und in der Zeit danach bis zur Machtergreifung der Nazis dar. Die auf— gezeigte Produktpalette vom syntheti- Schen Benzin bis zu allen Sprengstoffsor- ten mit insgesamt über 50 Prozent mili— tãrisch relevanten„Nützlichkeiten“ lãsst die spãteren Begehrlichkeiten der Nazis erahnen. Umgekehrt- und auch das stellt das Buch gut dar- sind die I6 Farben Schon vor 1933 ein wesentlicher Faktor in der Vorbereitung des Zweiten Welt- kriegs. Das Absurde wird auch mit Bild- material aufgezeigt: In relevanten Posi tionen der IO, Zum Beispiel im Aufsichts- rat, sit?en Personen wie Carl von Wein- berg, Ernst von Simson oder Arthur von Weinberg, die als Juden mithalfen, einen Kriegsverbrecher Konzern zu etablieren, weil sie die Nazi-Gefahren völlig falsch einschätzen. Einige von ihnen können nach später Erkenntnis kurz vor dem Krieg noch emigrieren, andere werden von den Nazis in den KZs ermordet.
Auch weitere Zusammenhänge stellt das Buch gut dar. Dazu gehören die Entwicklung des Büros„Berlin NW*, bei dem eine Posthbezeichnung die Schaltzentrale der I6 Farben ab 1925 sowie die Rolle der dortigen„Zefi“ Zentral-Finanzverwaltung) insbeson- dere im Dritten Reich beschreibt. Die Rohstoffversorgung des Reiches unter der IG-Farben-Regie oder die Parstel- lung der vielen Unterabteilungen von der Wirtschaftspolitik bis zur Presse und aller Verfilzungen mit den Nazis, das Hamstern weltweiter Rohstoffe zur Kriegsvorbereitung all das sind exzel- lent aufgearbeitete Themen.
Erstmals wird in dem Buch auch auf— gezeigt, welche Rolle das von den IG Farben finanzierte Scheinunternehmen „Gesellschaft zur Verkaufsförderung“ als Spionagefirma hatte oder wie die IG Far- ben mit dem Heereswaffenamt zusam- menarbeitete. Neu sind die Parstellun- gen, dass die Spionage zum Beispiel in den USA nicht nur über Firmenankäufe und Aktienbeteiligungen erfolgte, son- dern auch durch das Erlangen amerika- nischer Staatsangehörigkeit von engen Verwandten der IG-Farben-Chefs.
Das Buch enthält auch umfangreiche Beschreibungen über die Beziehungen der I6 Farben zum Mussolini-Faschis- mus bis hin zur Errichtung einer„Kolo- nialschule“ mit dem Sinn einer„friedli- chen Durchdringung von Ostafrika“. Aufschluss gewinnt man dank Schmel- zer auch über markante Aussprüche der IG-Farben-Verantwortlichen, gefallen im September 1939 im Rahmen der „Gesamtmenschenplanung“:„In diesen Tagen tritt die Dienstverpflichtung als wirtschaftlicher Stellungsbefehl gleich- berechtigt neben den militärischen Stel- lungsbefehl.“ Wichtige Hinweise über das schrittweise„Arisieren“ der IG Farben vor allem in der Zeit von 1933 bis 1938 und den Umgang der Nazis mit den aus Management und Aufsichtsrat Entlassenen ergänzen die Kapitel über die Tarnungen der IG-Tochtergesell- Schaften im feindlichen Ausland.
Ansat?weise schließt das Buch zum heutigen Tagesgeschehen auf- wenn et- wa über die Abteilung„Ole“ im Büro „Berlin NW7“ berichtet wird. Wenn dann Denkschriften zitiert werden, nach denen ein deutsches Olimperium mit Verweis auf die Länder Irak, Iran und Saudi-Arabien konstruiert werden solM- te, dann ist schnell klar, wie sehr die Rol- le der Energiefrage den Nazis bewusst


