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(2004) 2/2004. Dezember 2004
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 33

dass man stolz darauf ist, den ehemali- gen Zwangsarbeitern über 50 Jahre ei- ne Entschädigung verweigert und sich an diesem Geld bereichert zu haben, das jet?t weg ist, versickert in den Kanälen von Arisierungsgewinnlern wie Beisheim.

Mit dem Geld in der Schweiz ist es anders: Der alliierte Kontrollratsbe- Schluss vom 30. Oktober 1945 ordnete an:Das deutsche Auslandsvermögen wird beschlagnahmt für Reparations- und Wiedergutmachungsleistungen an die von den Nazis am meisten getrof⸗ fenen Volks und Gesellschaftsgrup- pen. Kein Zweifel: Alles Geld gehört ausschließlich in die Verfügung der Opfer.

konkret: Die Forderung ist legitim, aber ist sie realistischꝰ

Gingold: Ich mache mir keine IMu- sionen. Wer hätte aber vor Jahren an- genommen, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter auch nur einen Pfen- nig bekommen? Ich nicht.

konkret: Mit diesen Almosen wur- de in Peutschland der Schlußstrich ge- zogen, weswegen es auch sehr schwer sein wird, an das IG-Farben-Vermò- gen in der Schweiz zu kommen.

Gingold: Hier hat glücklicherweise Deutschland nicht viel zu sagen. Durch die Stiftungsgründung in den USA haben sich die ExLiquidatoren zwar eine juristische Möglichkeit ge- Schaffen, an das Geld zu kommen. Zu- gleich aber ist die amerikanische Of- fentlichkeit eine andere, die Gerichte Sind andere.

konkret: Der eigentliche Sinn der Abwicklung der Firma scheint gewe- Sen zZu sein, endlich nicht mehr die lei- digen Aktionärsversammlungen durch-

führen zu müssen. Nun gibt es keinen õffentlichen Anlass mehr für Proteste.

Gingold: Bislang scheint der Plan aufzugehen. Viele fragen sich, wo wir jetzt noch ansetzen können, zumal es auch in anderen Fällen kaum noch möglich ist, die deutsche Gffentlich keit zu erreichen. Ich erinnere an den zähen Kampf der Angehörigen der Opfer des Wehrmachtsmassakers von Pistomo. Sie kämpfen scheinbar auf verlorenem Posten, aber aufgeben wollen sie nicht. Es ist jet?t die letzte Chance, denn noch leben einige der ehemaligen Zwangsarbeiter. Ihr poli- tisches und moralisches Gewicht zu nutzen, solange es noch möglich ist, darauf kommt es jetzt an.

konkret: Pie politische Tendenz im Jahr der 60. Jahrestage, das noch bis zum 8. Mai 2005 dauern wird, heißt Versõhnung in Europa. Da stört die Brinnerung an die Mörder. In Berlin baut man das Denkmal für die ermor- deten Juden, aber die Topographie des Terrors, die an die Mörder gemahnt, ist seit bald 20 Jahren eine Baustelle und wird nun auf niedrigstem Niveau fer- tiggestellt.

Gingold: Eben deshalb ist es wichtig, die Erinnerung an IC Farben als Symbol für das Bündnis von Ka- pital und Barbarei, Zyklon B und Auschwit?, wachzuhalten. Ich will, dass die Menschen noch in 2000 Jah ren davon wissen, damit sie eine Wie- derholung verhindern können. Ich le- be mit der Erinnerung an die Ermordeten meiner Familie, an er mordete Freunde und Genossen, aber ich kann auch nicht vergessen, wer sie ermordet hat, wie sie ermordet wur- den und warum.