Heft 
(1992) 1/1992. Januar 1992
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.

Akropolis, Alhambra, Auschwitz

von Monika Held

Leicht fährt der Morgenwind durch die Blätter der Birken, läßt sie rascheln, fällt aus den Bäumen auf den Boden und be- wegt das Schilf und das Wiesenschaum- kraut am Ufer, kräuselt das Schwarze Was- ser des kleinen Sees, fährt durch die weiße Mähne des alten Mannes und springt zurück in die Birken. Tadeusz Szymanski ergãnzt das friedliche Bild: Die Mauerre- ste hinter uns gehören zum Krematorium 4. Von dort rollte ein Lore über Schmale Glei- se auf den Steg, der bis in die Mitte des Sees führte. Dort wurde die Fracht-Asche, Tonnen von Asche- in das Wasser ge- kippt. Der See ist eine riesige Urne. Der Steg ist morsch geworden im Laufe der Zeit, sagte der alte Mann, und ist mit der Lore vor vielen Jahren ins Wasser gefal- len. Das Fundament des Krematoriums, die verrosteten, von Gras überwucherten Sehien de de ee die LOre Wenn die Zusammenhänge wieder sicht- bar gemacht würden, Sagt Tadeusz Szym- anski, dann müßte ich an dieser Stelle nicht Ssoviel reden.

Der Internationalen Konvention zum Schutze des Kultur- und Naturerbes der Welt' sind 115 Länder beigetreten- auch beide Teile Deutschlands. Die Länder ver- pflichten sich mit ihrem Beitritt, alle 322 Objekte der UNESCO-Welterbe-Liste zu Schützen und zu bewahren. Nummer 80 auf dieser Liste ist das Konzentrationslager Auschwitz.

Ein Kulturdenkmal muß zum Beispiel au- thentisch gein und großen architektoni- Schen Einfluß ausgeübt haben. Oder es Sollte ein einzigartiges Zeugnis darstellen oder in Verbindung mit Ideen von allge- meiner Bedeutung Stehen. Es kann aber auch ein herausragendes Beispiel einer

traditionellen Lebensweise Sein, durch die eine hestimmte Kultur reprãsentiert wird. (VNESCO-Kommission, Bonn1990) Akropolis- Alhambra- Auschwitz. Die Reihenfolge mag makaber wirken. Aber wenn, laut Brockhaus, Kultur die Ge- samtheit der typischen Lebensformen größerer Gruppen einschließlich der sie tragenden Geistesverfassung ist, dann ist Auschwitz kein Schönheitsfehler auf der UNESCO-Liste, sondern nur weltweit das brutalste Zeugnis einer Unkultur, das Men- schen hinterlassen haben. Und was für die Alhambra gilt und die Akropolis, das gilt für Auschwitz. Auch der größte Friedhof der Welt braucht die Liebe und den Schutz der Menschen aus aller Welt. Und Ausch- witz braucht Geld, denn ohne Geld wird Auschwitz verrotten. Wer über dieses Mil- lionengrab Gras wachsen lãßt, beleidigt die Uberlebenden und raubt den Toten ihre Geschichte. So verrückt das klingt: Das Konzentrationslager Auschwitz hat Zu- kunftssorgen.

Tadeus? S?⁊ymanski wohnt auf dem Gelãn- de des Konzentrationslagers. In einem ehe- maligen Verwaltungsblock der S8 hat er eine gemütliche, billige Wohnung mit Blick auf Galgen und Krematorium. Der letzte Mensch, der hier gehenkt wurde, war Rudolf Höss, der ehemalige Kommandant des Lagers. Wie man hier wohnen kann? Alle fragen das Szymanski, wie kannst du wohnen auf dem größten Friedhof der Welt? Er lacht,'Und ich sage: In Polen herrscht Wohnungsnot. Meine Wohnung ist preiswert und ruhig. Bis zu seiner Pensionierung war Tadeus? S2ymanski zu- Stãndig für die Kunst, die in Auschwitz ge- chaffen wurde für die Bilder der Hãftlin- ge, ihre Zeichnungen, ihre Texte. Sein