Heft 
(1991) 1/1991
Einzelbild herunterladen

30 Lagergemeinschaſt Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.

Ich zitiere immer jenen frz. Arzt, der keststellte: Die Lagerrationen waren, gemessen an der geforderten Arbeit, bewußt so bemessen, daß der Lagerhäftling voraussichtlich in spätestens neun Monaten starb! Diese gelten nicht als ermordet!

Das muß man sich tatsächlich vergegenwärtigen. Auch bei den Prozessen wurde so argumemiert!

Auch Arolsen meldet auf Anfrage: Verbleib unbekannt, verschollen, aus unbekannter Ursache verstorben. War im Lager Auschwitz, wurde von dort nach Buchenwald verlegt; weitere Unterlagen liegen nicht vor!

lch besitze solche Dokumente aus meiner Familie.

Und wer hat wann behauptet, die 6 bis 6 Millionen verschwundener Juden seien nur in Auschwitz umgekommen? Gab es nicht auch lzbiza, Lublin, Majdanek, Treblinka, Sobibor, Belczek, Groß Rosen, 6 Stuthof, Buchenwald, Ravensbrück usw. usw.?

Und zu welcher Gruppe werden die Toten des Warschauer, des Lodzer,

des Krakauer und anderer Ghettos gezählt?(Gezählt mir dreht sich bei diesem Wort immer der Magen um). Und die verschiedenen Todesmärsche zwischen den Lagern die auf

den Transporten umgekommenen? Sind diejenigen, die als Tote aus den Güterwaggons bei Ankunft an der Rampe herausfielen, keine Auschwitztoten?

Was ist das für eine Infamie, wenn da jemand ausrechnet, wieviele bei der Kapazität der Gaskammern pro Tag umkommen konnten und deshalb die Zahl von. Millionen nicht stimmen könne?

Und wo bleiben die Opfer medizinischer Versuche?

Wo bleibt Theresienstadt, usw. usw. 5

Wo, bitte, soll man beginnen zu zählen?

Jede Familie hat ihre Toten'gezählt und betrauert; und da fehlten nun mal runde 5,5 Millionen, einige mehr oder weniger

Bei den Ermordungen in der Sowjetunion wird man die genaue Zahl nie feststellen können.

Wenn ich jetzt diese Woche, zwei Tage vor Weihnachten, eine Fünf- zeilenmeldung in der Aachener Volkszeitung lese: Die Präparate von Nazi-Häftlingen, die sich noch in medizinischen Laboratorien befanden, sind jetzt beigesetzt worden. Wo beginnt das, wo endet das?

Warum so viele Worte. Tut mir leid, als selber Betroffene läuft es halt manchmal über. Und es ist vielleicht wichtig, auch für lhre Akten dort, solche Aussagen zu sammeln.

Es ist irgendwie ein Trauerspiel, daß man 1991 immer noch aufklären muß. Wenn uns 1945 jemand erzählt hätte, daß wir uns bis zum Lebens- ende rechtfertigen müssen, dem hätten wir sicher nicht geglaubt.

Es hat 1945 nicht nur sichtbare Trümmer gegeben und diese unsicht- baren Trümmer sind immer noch nicht beseitigt.