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Lagergemeinschaft Auschwitz V Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
Der Geist
aus alten
Labors
Nachkriegskarrieren deutscher Erbbiologen
und Volksärzte
DIE ZEIT
N. September 1935
Rote Armee stand vor den Toren Ber-
lins. Fieberhaft vurde im Kaiser-Wilhelm- lnstitut für Anthropologie das Institutsinventar in Kisten verpackt und auf 2wei Lastkraftwa- gen verladen. Der Transport kam durch. Insti- tutsleiter Qimar von Verschuer lagerie die Un- ierlagen zunächst in den Gastztätten zeines hes- zischen Heimatories Folt bei Bebra ein. Alle belastenden Akten, der Briefwechsel mit dem Auschwitzarzt Jogef Mengele, rassehypienische Gutachten und Denkachrilten, zinzen dabei je- doch verloren..
Kriegzende. Die allüerien Armeen befreiten die Konzentrationslager. Sie nießen auf Lei- chenhalden und die ausßemergelten Gestalten der Uberlebenden— Opfer einer Wissenschaft, die zwischen ebensweri? und„lebensunweri? unterschueden hatte.„Lazsen Sie mich von all dem Furchtbaren schweitzen, das hinter uns liegr“, erzuchte Professor von Verschuer 1946 in einem ersten Brief einen ausländischen Kol- legen Er hatte sich nicht s0, wie sein Schüler Mengele, exponieri. Er mußte wenig befürch- ten.
Schon var er wieder guten Mutes. S resvende 1945746 kündigte er dem Oberbür- germeister von Frankfurt an, er stebe vor der
Analyse eines chemischen Stofles, der Schutz und
Abwehr geten Tuberkuloseinfektion) vers reche.
Unvinend kriff der Politiker zu und ab Proſes-
or von Verschuer zeinen erzten Hachkriegsjob:
300 Reichsmark monatlich ohne Gegenleistung.
Auch die Hürde der Entnazifizierunß nahm er
Spielerisch. Fine Spruchkammer ihn als
letoler- ein und belegte den Lehrer und Men-
tor e Mengeles mit einer Geldbuße von 600 Reichsmark.
E vürde uns pharisãerhaft erscheinen, vollten „it aus der heutigen Situation heraus einzelne Vorkommnisse einem Mann als unverzeiliche mo- ralsche Belastung anrechnen, der sonzt ehrlich und tapfer einen schwierigen Weß gegangen ist“, beland eine Professoren-Kommission 1947 in ihrer Denkachriſt über Professor von Verschuer. Der Kassclorscher hatte unvorausgeschene Schwierit- keiten gehabt. Im neubeseizten Max-Planck(ehe- mals: per· vilhelm lnstitut regie sich Wider- sand geten zeine Berufuntzi er zei ein„bedenken- loser Seronont⸗ und einer der gefährlichsten Nazi-Aktivisten“, hieß es.
Nur kurz aber behinderie der Fklat seinen Wie- deraufstieg. Bereits 1942 wurde Professor von Ver- chuer in die Mainzer Akademie der Wizsenschaf- ten aufgenommen. 1951 erfolgte der Ruf an die Universitãt Münster. Er übernahm dort den Lehr- Stuhl für Genetik und baute das Institut zielstrebig aus. Ein genetisches Reister für 2,2 Millionen var das Ziel zeiner Arbeit. Mitte der finkziger Jahre „ählte ihn auch die Deutache Gezellschaft für Anthropolotie zu ihrem Voraitzenden. Nun war er vollends rehabilitier. Erst 1965 wunle der frühere Schriftleiter des Erharztes emeritien.
Seine Nachkriegskarriere ist beispielhaft. Prokes- or von Verschuer holte zeinen in MS-Tagen be- vahrien Oberarzt Heinrich Schade ausmerzende Erbpflege“ und Erforschung von Degenerationserscheinungen wie Bettnässen, Linkshändigkeit oder an sein neues Münsteraner Institut und verhalt ihta'zum Profes- soren-Titel. 1966 übernahm der ungebrochene Erbforscher Schade den Lehrstuhl für S an der Universität Düsseldorf. 1974 emeritien, quãl-
ten ihn aber auch im Ruhestand völkische Belan- ge. Er schricb über„Völkerflut und Völker- schwund“, fragte sich, ob„Kulturablauf und Volkstod zchicksalhaft? seien und zeichnete als Autor des Aufsatzes„Genosuizid— Volksselbst- mord in der Broschüre Deutschlaad ohne Deut- ache“, die noch Anfang 1935 in einigen tausend Fxemplaren an Hochschullehrer verschickt wurde.
Fin anderer Assistent von Professor von Ver- chuer aus dem Frankfurter Rasschyßiene-Institut, Hans Grebe, ein unmittelbarer Kolbt⸗ Mengeles, hatte ebenfalls wenig Schwierigkeiten. Kurz vor Kriegsende war er noch auf den Lehrstuhl für Erbbiologie der Univertität Rostock berufen wor- den. In den fünfriger Jahren lehne er dann Gene- ük in Marburg und avancierte 1957 zum en- ten des Deutachen Sportärztebundes; ders als Boxerarzt erwarb er nun Geltung.
So wie die Mitarbeiter des Institutz Verschuer, wirkten viele NS-Arzte auch nach Kriegsende in ihrem Metier. Der Psychiater Hans-)oachim Rauch, der in der Euthanasic-Anstalt Eichbert die Gehirne der ermordeten Menschen vorsezier und S gemacht hatte, verfaßte weiterhin Gutachten kür die Gerichtshöfe der Bundesrepu- blik. Erst als er 1583 bei einem Prozeß über die Schuldſähigkeit des RAF-Aussteigen Peter-hürtzen Boock ureilen sollte, wurde der Skandal ruchbar.
In Wien gab es einen ähnlichen Fall: Dor gut- achtete der Psychiater Heinrich Groß, nunmehr Mitglied der s02ialdemokratischen Partei. Früher hatie er an einer„Euthanasie?-Anstalt Dienst ver- schen, in der Kinder einen schleichenden Gnaden- tod erlitten. In die Mahlæeiten wurden immer stärkere Dosen Gift gemischt.
Selbst gegen den Zigeuner-Forscher Rober Ritter reichten die Beweise nicht. 1950 wurde sein Verfahren eingestellt. Noch heute beteuern seine ehemalige Assistentin, Frau Professor So- phie Erhardi: Ritter mochte die Zigeuner. Er wollte, da zie in Freiheit umherzichen. Er fand, daß sie auf dieze Weise am zichersten va- ren. Originalton Ritter 1540 wenn die weitere Forpflanzung dieser Mizchlingspopu- lation unterbunden sein vird. Be. dann werden die kommenden Geschlechter des deutachen Volles von dieser Last wirklich be- freit sein. Endstation Auschwitz.
Nur wenige beschieden sich wie ng Abel, der ehemalige Abteilungsleiter Fai- zer-Wilhelm-Institut für Anchropologie damit, ungeschoren davongekommen zu sein. Abel lehnte Berufungen nach Argentinien und Chile ab und verdiente seinen Entueiet a portrãtmaler. In veinem Haus am Mondsee im Salzkammertut führte der Privatier seine For- chungen zur Geschlechterbeeinflussung wei- ter; biophysikalische Gesetze, die er beim Hühnerel entdeckt haben will, schützte er sich durch Weltpatente.
Der Geist aus den Labors der Erbbiologen lebt indes weiter. Erst unlängst wurde am Anthropologischen Institut der UVniverzitãt Hamburg ein Forzchungsproſekt, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 500 000 Mark subventionierr, ergebnislos abge- brochen. Professor Rainer Knufmann hatte es sich zum Ziel gesetzt, unter anderem anhand „on Körpervermessungen— etwa Brustwarten- abstand oder biologische Er- kenninisse über Homosexualität zu Bewinnen. Das Vorhaben scheiterie erst, als eine größere


