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Auschwitz : ein Tatsachenbericht ; das Vermächtnis der Opfer für uns Juden und für alle Menschen / Lucie Adelsberger
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wir im Strafblock von Ravensbrück antrafen, hatten ihre 6 bis 8 Lagerjahre auf dem Buckel; trotzdem waren sie ungebrochen und die Begei- sterung für ihren Glauben leuchtete ihnen aus den Augen. Noch im Lager hatten sie ihre Leh- ren zepredigt und Propagandazettel verteilt und waren dafür in den Strafblock gekommen, der durch Posten und Lagerpolizei streng vom übrigen Lager abgeschlossen war. Die ande- ren Häftlinge waren asoziale Elemente, vorbe- strafte Dirnen, Zuchthäusler und Verbrecher jeder Art. Sie befriedigten ihre sadistischen Gelüste an uns, die wir tagsüber, vor Kälte bibbernd, viele Stunden im Januar im Hof stan- den und nicht einmal nachts ein Plätzchen zum Sitzen fanden. Bei dem Versuch, uns zu wa- schen oder unsere Notdurft zu verrichten, wur- den wir halbtot geschlagen.

Das allerschlimmste war die Essensverteilung. Zuerst wurden dieReichsdeutschen abgefer- tiet und auf unsere Kosten gesättigt. Dann be- kamen wir unsere Suppe, aus denselben unge- waschenen Schüsseln, aus denen Typhuskranke und verlodderte, verdreckte und infizierte Häft- linge gegessen hatten, und in die sie ihre Kohl- rübenreste hineinspuckten. Immer wieder ging die Reihe der hundert Schüsseln herum, unge- spült und verschmutzt, mit dem Abfall der Vor- gängerinnen, zu dem die halbe Kelle für die

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