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Jenseits von BDM und Frauenschaft
Frauen stehen zu ihren Männern
So groß war die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, daß meine ehemaligen Kollegen vom Stadttheater nicht einmal mehr wagten, meine Frau zu grüßen,„geschweige denn mit ihr zu sprechen. Wie eine Verfemte und Aus- gestoßene lief sie durch die Stadt und fand überall verschlossene Türen. Wir in unseren Zellen.konnten uns gar nicht so richtig vorstellen, welche Sorgen, Qualen, Entbehrungen und Schikanen unsere Angehörigen ertragen mußten. Da saßen sie völlig rat- und hilflos, womöglich noch mit Mehreren Kindern zu Hause und mußten von den paar Pfennigen der Wohlfahrt leben. Und auch die bekamen noch nicht einmal alle. Wenn Besuchstag war, standen sie mit ihren Markttaschen oder Paketen, die Kinder an der Hand, vor dem Gefängnistor Schlange und warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren, ihren Mann für kurze fünf oder zehn Minuten zu sehen. Von den umliegenden Ortschaften kamen sie zu Fuß mit den Kindern an. Sie marschierten am frühen Morgen weg, waren mittags in der Stadt und holten sich auf der Kriminal- polizei einen Besuchsschein, sahen dann den Vater oder den Mann im Besuchs- zimmer, lieferten ein wenig Tabak, Schmalz und ein paar Aepfel ab und marschierten dann wieder zurück, stundenlang. Unser Kommandant, der doch über die Entlassun- gen nicht zu verfügen hatte, wurde mit Bittgesuchen um Freilassung des Mannes, des Vaters, des Sohnes bestürmt. Man ließ die Kinder selbst Briefe schreiben an den Landrat oder die Kriminalpolizei, worin sie um ihren Vater bitten mußten.—— An einem Sonntagmorgen sahen einige Häftlinge am Brückenkopf jenseits des Kanals einen Autobus halten, dem viele Frauen entstiegen. „Die Frauen kommen! Die Frauen kommen!‘ Alles rannte aus den Baracken ans Stacheldrahtgitter und starrte zum Kanal hinüber. Tatsächlich! Es mochten 20 bis 30 Frauen sein, die dort in ungefähr 400 Meter Ent- fernung standen und mit dem SS-Posten verhandelten „Von Remscheid kommen sie. Meine Frau hat mir doch geschrieben, daß sie einen Omnibus nehmen wollen, wenn’s Besuchserlaubnis gibt!‘ „Dann ist auch meine dabei! Mensch, dann ist die Anna auch dabei! Die bleibt doch nicht zu Hause!’! „Vielleicht haben sie auch noch welche von Hagen und Düsseldorf mitgenommen!” Wir standen hinter dem Gitter und reckten uns die Hälse aus. Es war aber niemand zu erkennen. „Jetzt kommt ein Posten runter! Der geht zum Alten!’ „Paßt auf, die lassen sie gar nicht rein! Sie werden wieder zurückgeschickt!’' Der Posten kam jetzt am Gitter vorbei und schrie uns zu:„Was ist denn los, was ist denn los! Wollt ihr machen, daß ihr in die Baracken kommt! Was steht ihr denn da und glotzt! Habt ihr denn noch keinen Rock gesehen? Los— haut ab!" Keiner dachte daran, in die Baracken zurückzugehen. Das waren unsere Frauen, die dort draußen standen, unsere Frauen! Ä Mit einem Male brach: das durch und wurde Massenstimmung, was bisher nur Jedeı für sich allein gedacht und empfunden hatte: „Da sollen die mal unsere Frauen kennenlernen! Die lassen sich nicht wegschicken! Wenn die bis hierher gekommen sind, dann kommen sie auch ins Lager! Da könnt ihr Gift drauf nehmen!‘ Im Laufschritt rannten ein paar SS-Männer im Lager auf uns zu.„In die Baracken, marsch, marsch.' Unwillig und zögernd zogen wir ab. Von Zeit zu Zeit berichteten uns Kameraden, die zur Latrine gingen, daß die Frauen immer noch am Brückenkopf stünden. „Eine ist dabei mit einem ganz knallroten Kleid!’ „Ja, und eine winkt immer mit einem weißen Taschentuch!’ „Sie müssen auch Pakete mitgebracht haben, ich hab“ so was Aehnliches gesehen!’ „Jungens,— eben ist der Kommandant selber raufgefahren mit dem Fahrrad! Der verhandelt jetzt mit ihnen!’ Von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags standen die Frauen oben am Brücken- kopf und ließen sich nicht abweisen. Schließlich erhielten sie vom Kommandanten die Erlaubnis, ihre Angehörigen fünf Minuten lang zu sprechen.
Aus Wolfgang Langhoff:„Die Moorsoldaten”.
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