Daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit nicht ohne weiteres nachgab und die Nazidoktrin und das Naziprogramm nicht bereit- willig akzeptierte, wird nicht bestritten. Andernfalls hätte es keine SS, keinen SD und keine Gestapo gegeben. Nur durch Terror, Folter, Hunger und Tod vernichteten die Nazis im eigenen Land die Gegner ihres Regimes, und ihre Unterdrückungsorganisationen sammelten dadurch die Erfahrungen, die sie später im Ausland mit solcher Gründlichkeit und Brutalität anwandten, daß sie zum Alpdruck und zur Geißel des besetzten Europa wurden.
Die in diesem Buch beschriebenen Verbrechen waren keine Zufalls- erscheinungen; das beweist allein schon ihr Ausmaß. Die Versklavung von Millionen Menschen und ihre Verschleppung nach Deutschland, die Ermordung und Mißhandlung von Kriegsgefangenen, die massen- weise Hinrichtung von Angehörigen der Zivilbevölkerung, die Er- schießung von Geiseln und die„Endlösung“ der Judenfrage: Das alles war von langer Hand geplant. Daran kann es keinen Zweifel geben, denn die Nazis lieferten selber mit all den sorgfältig auf- bewahrten Protokollen, Berichten, Verzeichnissen, Befehlen und anderen Dokumenten, die den Alliierten nach der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Europa in die Hände fielen, unanfechtbares Beweismaterial.
Denn wenn die Nazis Kriegsgefangene mit verbotenen Arbeiten beschäftigten, erstatteten sie der entsprechenden Armeeformation Meldung; wenn sie plünderten, legten sie lückenlose Verzeichnisse ihrer Beute an; wenn sie Juden und andere Menschen vergasten, sandten sie ausführliche Berichte an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA); wenn sie Geiseln erschossen, schlugen sie an den öffent- lichen Gebäuden Listen an,„pour d&courager les autres“; wenn sie zwangsweise schmerzhafte und abscheuliche Experimente an Insassen ihrer Konzentrationslager vornahmen, legten sie sorgfältig Handakten an. Sobald sie ein Verbrechen begingen, trugen sie mit charakteristischer Gründlichkeit dokumentarische Belege darüber zu- sammen.
In seinem Buch„Mein Kampf“ hatte Hitler Jahre zuvor geschrieben: „Die stärkere Rasse wird die schwächere verdrängen, denn der Lebenswille in seiner letzten Form wird die absurden Schranken der
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