PROLOG
Auch vor 1939 hatte es in modernen Kriegen zwischen zivilisierten Nationen bedauerliche Vorfälle gegeben, die Kriegsverbrechen gleich- kamen. In Belgien und Frankreich begingen deutsche Truppen während ihres raschen Vormarsches auf Paris in den Anfangsstadien des ersten Weltkrieges viele Exzesse. Städte und Dörfer wurden ge- plündert und in Brand gesteckt, Frauen vergewaltigt und unschuldige Menschen ermordet. Im Dezember 1914 ernannte Premierminister Asquith einen Ausschuß prominenter Persönlichkeiten unter dem Vorsitz von Viscount Bryce zur Untersuchung der Verbrechen, die die deutschen Truppen während der ersten Kriegsmonate in Belgien und Frankreich begangen haben sollten.
Im Jahre 1915 veröffentlichte der Ausschuß seinen Bericht. Wie die Mitglieder darin feststellten, gelangten sie auf Grund des Beweis- materials zu der unumstößlichen Schlußfolgerung, daß in vielen Teilen Belgiens beabsichtigte und systematisch organisierte Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet und allgemein im Zuge der Krieg- führung sowohl in Belgien als auch in Frankreich„unschuldige Zivilisten, Männer wie Frauen, in großer Zahl ermordet, Frauen ver- gewaltigt und Kinder umgebracht wurden“. Sie stellten fest, daß Offi- ziere der deutschen Armee im Rahmen einer Terrorisierungskampagne Plünderung, Brandstiftung und mutwilliges Zerstören von Eigentum befahlen oder duldeten, ohne daß dies unter Berufung auf eine angeb- liche militärische Notwendigkeit hätte gerechtfertigt werden können.
In vielen Fällen wurden auch die Gesetze und Bräuche des Krieges verletzt, so zum Beispiel durch die Verwendung von Zivilisten, dar- unter Frauen und Kinder, als Kugelfang für die deutschen Truppen, durch die Tötung von Verwundeten und Gefangenen sowie durch Verletzung der Einrichtungen des Roten Kreuzes und Nicht- beachtung der weißen Flagge als Zeichen der Übergabe.
Zum Schluß erklärten die Ausschußmitglieder, ihre Feststellungen seien zwar sehr schwerwiegend, aber die Pflicht gebiete ihnen, sie als völlig erwiesene Tatsachen aufzuzeichnen:„Mord, Sinnenlust und
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