10. 2. 44
Jeder Gruß in die Eintönigkeit der Zelle ist eine große Freude. Zu meinem Geburtstag erfreute mich sehr der Sylvesterbrief meiner leiblichen Schwe- stern und Schwäger. Danke doch ihnen und grüße sie herzlichst. Am Geburtstag hat mir Gott mehr- fache Freude geschenkt. Ich spüre es, daß man in Liebe meiner gedenkt.
Denkt, ich war mal einen Tag zu zweit in meiner Zelle. Der Mitgefangene war von der„„‚Fliegerei“- eine Fliege, mit der ich mich tatsächlich anfreun- dete. Du weißt, daß ich eine besondere Beziehung zu den Tieren habe; erinnerst Du Dich noch an den Urlaub in Lychen, wo ich einen Schmetterling dazu brachte, daß er mir 18mal nacheinander auf den Finger flog? Das war mir eine der größten Freuden. Ach ja, ich lebe ja mit der Seele in einer anderen Welt. Aus ihr strömen mir gerade in der Einsamkeit viele Kräfte und Gedanken zu- die Ge- dichte, an denen ich Euch etwas teilnehmen lassen darf, kommen auch von da. Ich weiß, daß Ihr Euch freut, wenn ich Euch etwas ins Herzenskämmerlein hineingucken lasse.
Ich lese z. Zt.„„Die Dämonen“ von Dostojewski. Es ist zwar diese Welt mir etwas fremd, in der er „„Seelenschnüffelei‘“(Psychologie) betreibt, seine Art der östlichen Erzählungsweise in ihrer Breite und Langatmigkeit mir weniger sympathisch, aber gleichwohl wieviel Zeitgemäßes läßt sich aus Do- stojewski immer lernen. Amüsiert hat mich der
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