Abendgeſänge. 15
War ich nach meiner Schuldigkeit Von fruͤh bis jetzt befliſſen, Zu thun, wozu mich mein Beruf Auf dieſer Welt verbindet, Wozu der weiſe Gott mich ſchuf, Der Herz und Seel' durchgrundet. 3. Hab ich durch Trägheit nichts verſäumt? Niemand gekraͤnkt, beleidigt? Durch freche Reden nicht verläumd't? Des Raͤchſten Ehr' vertheidigt? War Lugen, Falſchheit und Betrug Von mir heut' fern? verfuͤhrte Mich nicht zum Schwur und auch zum Fluch, Zorn oder Rachbegierde?
4. Hab ich nach Kraften mich beſtrebt, Den Naͤchſten zu erbauen? Setzt' ich auf Gott, der, was nur lebt, Ernährt, mein feſt' Vertrauen? Theilt' ich mit Duͤrftigen mein Brod, Und ruͤhrte mich des Armen Lautſchreiende und bittre Roth? Balf ich ihm mit Erbarmen?
5. Hab ich heut' nichts gered't, gethan, Was unrein? gab ich Andern Kein Aergerniß? Wie leicht, ach! kann Ich dieſe Racht noch wandern, Vom Tod entſeelt, aus dieſer Welt! Wer kann ſein Ende ſehen? Vor Gottes Richterſtuhl geſtellt, Wie werd' ich da beſtehen?


