402 Troſtlieder.
Mit ungehalt'nem, ſehnſuchtsvollem Fluge
Die freigeword'ne Seele folgen kann; Wenn nun vom Aug' des Glaubens lichte Hülle Wie Nebel vor der Morgenſonne fällt,
Und wir den Sohn in ſeiner Gottesfülle. Erblicken auf dem Thron als Herrn der Welt!
Wie wird uns ſein, wenn wir ihn hören rufen: „Kommt ihr Geſegneten,“— wenn wir im Licht, Daſtehend an des Gottesthrones Stufen,
Ihm ſchauen in ſein gnädig Angeſicht,
Die Augeu ſeh'n, die einſt von Thränen floſſen Um Menſchennot und Herzenshärtigkeit,
Die Wunden, die das teure Blut vergoſſen, Das uns vom ew'gen Tode hat befreit!
Wie wird uns ſein, wenn durch die Himmelsräume Wir Hand in Hand mit Sel'gen uns ergeh'n, Am Strom des Lebens, wo die Lebensbäume Friſch, wie am dritten Schöpfungstage weh'n! Da, wo in ew'ger Jugend nichts veraltet, Nicht mehr die Zeit mit ſcharfem Zahne nagt, Da wo kein Auge bricht, kein Herz erkaltet, Kein Leid, kein Schmerz, kein Tod die Sel'gen plagt!
Wie wird uns ſein, wenn jeder Blick zur Erde,
Ins dunkle Thal, das uns zu Füßen liegt,
Und jeder Blick auf jegliche Beſchwerde,
Die wir im Glauben wallend nicht beſiegt,
Die Herrlichkeit des Himmels uns verkläret
Und den Genuß des riedens ſel'ger macht,
Die Freude würzet und die Liebe nähret
Zu dem, der herrlich uns hindurch gebracht!
Wie wird uns ſein?— O was kein Aug' geſehen, Kein Ohr gehört, kein Menſchenſinn empfand. Das wird uns werden, wird an uns geſchehen, Wann wir hinziehen ins gelobte Land.


