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Christliches Gesangbuch für die evangelisch-lutherischen Gemeinden im Fürstenthum Osnabrück : zum Gebrauch beim öffentlichen Gottesdienste und bei der Hausandacht ; nebst dem Lieder- und dem gewöhnlichen doppelten Anhange [Gebete [und] Die Epistolischen und Evangelischen Texte]
Entstehung
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der Stadt Jerusalem.ole

Antonia gerichtet. Titus ließ zwar nach seiner gütigen und mitleidigen Gesinnung die Belagerten abermals durch den Jo­sephum zur Übergabe ermahnen; allein ob dieser gleich durch eine sehr nachdrückliche Rede und mit Thränen sie zu bewegen suchte, so wurden doch alle Vorstellungen nur mit Schimpfs worten und sogar mit Pfeilen erwiedert. Viele Einwohner suchten indeß durch die Flucht ihre Errettung und erhielten auch solche, wenn sie anders der Wachfamkeit und den Schwerdtern der Besatzung zu entgehen vermochten, durch die Gélindigkeit des Titi. Die aber als Gefangene in die Hände der Römer fielen, wurden in so großer Menge in dem Angesicht der Stadt gefreuziget, daß nach Josephi Ausdruck es zuletzt an Naum und Holz zu Kreuzen mangelte. Ein gewiß sehr merkwürs diger Anblick vor einer Stadt, deren Einwohner die Kreuzigung Christi dem Pilatus mit der größten Wuth abgedrungen hats ten! Titus ließ inzwischen diese Grausamkeit zu, um zu ver­suchen, ob vielleicht die Furcht vor einer gleichen Bestrafung bie Hartnäckigkeit der Belagerten überwinden möchte. Aber so wenig dieses, als die bereits sehr zunehmende Hungersnoth, noch auch die wiederholten Warnungen des römischen Feldherrn, die Stadt, den Tempel und ihr eigenes Leben zu retten, vers mochten etwas bei diesen gänzlich Verstockten auszurichten; sie fagten vielmehr dem Tito selbst mit untermengter Verschmähung, daß fie lieber sterben, als sich ergeben wollten, und beriefen sich dabei frech auf den Schuß Gottes, dessen Verächter fie doch warene stod sid mak

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Die Fortsegung ihrer verzweiflungsvollen Gegenwehr nöthigte endlich den Titus, die Stadt mit einer Mauer völlig einzuschließen. Hierdurch war dasjenige aufs genaueste erfüllet, was Christus vorher geweisfaget hatte, und die erschrecklichste Hungersnoth nebst allem damit verbundenen Elend nahm nun völlig überhand. Ausgezehrte Menschen suchten bei Tausenden in den letzten Zügen vergeblich ihre Erhaltung. Die bewaffneten Näuber fielen in die Häuser, bemächtigten sich aller Nahrungsmittel, und quälten mit den entseglichsten Martern alle und jede, auf welche nur der Verdacht einiger Verbergung fiel. Die Eltern riffen ihren Kins dern und diese ihren Eltern und Geschwistern den letzten Bissen aus dem Munde. Viele, die diesem Jammer durch die Flucht zu den Römern zu entrinnen suchten, wurden von den Soldas ten in der Vermuthung, daß sie Gold verschlungen, lebendig aufgeschnitten. Man suchte durch die unnatürlichsten Mittel die Stillung des Hungers, und eine bemittelte Mutter, die durch