96 Zuverl. Nachr. der Zerstörung der Stadt Jerusalem.
fall der Juden zog das Gefecht in die Nähe des Tempels, und ein römischer Soldat warf aus eigenem Untriebe oder vielmehr von einer höhern Hand gele: tet, einen feuris gen Brand in ein Fenster der an dem Tempel gebaueten Zimmer. Gogleich breitete fich das Feuer in diese Nebengebäude aus. Titus eilte zwar alsbald den Brano zu löschen; aber seine Befehle wurden nicht vernommen. Die römischen Legionen brangen wüs thend auf den Tempel zu, und erhielten die immer weiter um fich greifende Flame men, und erfülleten alles mit Blut und Leichen. Titus begab sich mit einigen ſeiner Speerführer selbft in den Tempel, befabe deffen Heiligthum und die darin befindlichen Geräthe, und fand, daß die Pracht alle Nachrichten davon weit überträfe. Er erneu: erte die eifrigsten Bemühungen, diefes Junere des Tempels zu retten; aber vergeblich; der ganze Tempel ward, wie Josephus bemerkt, an eben dem Tage da der erste von den Babyloniern verbrannt worden, durch die Flammen völlig verzehret. Ein allgemeiner Raub und die blut gste Niederlage verbreitete sich ohne einiges Verschonen in dem ganzen Raum des Tempels. Die römischen Soldaten pflanzten an das öftliche Thor desselben ihre Kriegszeichen, brachten dafeibst ihre heidnischen Opfer und riefen den Titus als Sieger aus Eine Unzahl Priester fo auf einer Mauer des Tempels ihre Sicherheit gefucht, fleheten vergeblich um ihr Leben; Titus antwortete: daß die Zeit der Begnadigung geendet, und fie mit ihrem Tempel umkommen müßten. Die Unführer hatten sich inzwischen mit gewaffneter Hand den Weg aus dem Zems pel geöffnet, und verlangten eine Unterredung mit dem Titus. Dieser erbot fich zwar ihnen das Leben zu schenken, wenn sie sogleich die Waffen niederlegen und sich ergeben würden; als sie sich aber deffen unter der Borschüßung eines Eides weigerten, und eis nen freyen Ubzug verlangten, verfagteer ihnen alle Gnade; übergab die untere Stadt der Plünderung und dem Feuer, und grif den noch übrigen obern Theil derfelben an, in welchem sich nun die fämmtlichen Unfüprer unter dem Simon und Johannesgezos gen hatten. Sobald die römischen Maschinen auch hier die Mauer durchbrachen, übers fiel diesen Hartnäckigen die mutblofeste Verwirrung. VollFurcht und Schrecken verlies Ben sie die von ihnen befesten sehr festen Thürme, versuchten vergeblich durch die römis foben Berschanzungen zu entkommen, und verbargen sich endlich in unterirdis fch en höhlen. Die Römer bemächtigten sich also auch der ganzen obern Stadt, plüns berten felbige, und zündeten fie, nach der entfseßlichsten Niederlage unter den Eins wohnern, mit Feuer an. Diefes geschah am 8. Geptember des Jahrb 70 nach Chrifti Geburt.
U18 Titus in die völlig eroberte Stadt ging, und die ungemeine Festigkeit ihrer Mauren und Thürme bewunderte; brach er in diefes ihm rühmliche Seständnißaus: Wir haben mit Gottes Beystand Kiteggeführet; es ist Gott, der die Juden aus diefen Festungen herausgetrieben hat: benn was würden menschliche Hände und Maschis nen gegen solche Thürme vermögen?
Gleich nach der Eroberung wurden die noch übrigen Unführer sämmtlich getödtet. Die anfehnlichsten Jünglinge wurden zum Triumph des Titus, die übrigen Gefanges nen aber zu den römischen Schauspielen oder zu schweren Urbeiten bestimmt; die, fo unter 17 Sahren, wurden verkauft. Die Zahl aller in dem ganzen KriegeGefangenen rechnete Jofephus auf 97,000, und der in der Belagerung umgekommenen 1,100,000 außer der großen Menge, die sonst in diesem Kriege ihr Leben verloren; und machtje. nes aus der unter dem Cestius berechneten Zahl der Osterlämmer begreiflich. Simon und Johannes geriethen aus ihren Höhlen endlich auch in die Hände der Römer. Sie wurden gleichfalls zum Triumph des Titus aufbehalten, und nach felbigen der Erste zum Tode, der andere aber zeitlebens zum Gefängniß verurtheilet.
Die sämmtlichen Ueberbleibfel der Stadt, außer dreyen Thürmen und einem Theil ber Mauer, wurden auf Titi Befehl dem Erdbodengleich gemacht; und Jerusalem ward also nach Christi Weissagung völlig geschleifet.
Wie nun diefe merkwürdige Geſchichte, nebst der ganz fonderbaren Erhaltuug der jüdischen Nation bey ihrer großen Berstreuung, die Göttlichkeit der Lehre Jefu ausnehmend bestätiget; fo muß einem jeden, der solche erkennet, hey einer mitleidigen Bewegung dieser Berichte Sottes jene Warnung des Apoftels stets wichtig bleiben: Sen nicht stol, sondern fürchte dich. Hat Gott der natürli chen Zweige nicht verschonet, daß er vielleicht dein auch nicht verschone. Dars um schaue die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst an denen, die gefallen find; die Güte aber an dir, so ferne du an ber Güte bleibest; sonst wirst du auch abgehauen werden.


