Die Beschreibung von der Zerstörung Jerusalems.
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der Vermutung, daß sie Gold verschlungen, lebendig aufgeschnitten. Man suchte durch die unnatürlichsten Mittel die Stillung des Hungers, und eine bemittelte Mutter, die durch diese Plage zur äußersten Verzweiflung gebracht war, schlachtete und kochte ihr eigenes Kind, und bot, da sie einen Teil desselben verzehret, den graujamen Kriegsknechten die andere Hälfte dar. Alle Straßen waren mit Zeichen bedeckt, und das Sterben war so häufig, daß vom 14. April bis zum 1. Julius 115,880 Beichen zu einem Thore hinausgebracht und 600,000 über die Mauer geworfen wurden. Titus ward durch diese erschrecklichen Umstände äußerst gerührt, und bezeugte mit gen Himmel gehobenen Händen, daß er an diesen unnatürlichen Grausamkeiten unschuldig sei, und solche unerhörte Greuel unter den Trümmern der Stadt begraben werden müßten.
Nachdem die Burg Antonia unter vielem Blutvergießen erobert und völlig niedergerissen war, mußte nun auch der sowohl durch seine Lage als die stärksten Mauern ausnehmend feste Tempel angegriffen werden, zu welcher Zeit denn auch das tägliche Opfer in demselben aufhörte. Titus, der für dieses herrliche Gebäude und für den Gottesdienst der Juden eine bewundernswürdige Ehrerbietung äußerte, ließ sich dessen Erhaltung mit der äußersten Sorgfalt angelegen sein, und ermüdete nicht, sowohl in eigener Person als durch den Josephus den Johannes mit seinem gottlosen Haufen durch wiederholte, rührende Vorstellungen zu bewegen, daß sie durch ihren fortgesetzten Frevel das Heiligtum Gottes nicht entweihen, vielmehr durch eine endliche Übergabe es dem nahen Untergange entreißen möchten, versprach ihnen auch die ungestörte Fortsetzung ihres Gottesdienstes. Allein diese Bösewichter verschmäheten dieses alles, besegten die Thore des Tempels mit Kriegsmaschinen, und machten denselben durch Raub und Blutvergießen, nach Christi Worten, nun völlig zur Mördergrube. Daher sah sich Titus endlich genötiget, die äußerste Gewalt zu gebrauchen, und nach verschiedenen abgeschlagenen Stürmen an die Thore desselben Feuer legen zu lassen, welches denn alle bedeckten Gänge um den Tempel ergriff. Er gab zwar sogleich den Befehl, das Feuer zu löschen, um das noch unversehrte Hauptgebäude des Tempels zu erhalten, aber keine menschliche Vorsicht vermochte den Ratschluß Gottes zu verhindern. Ein heftiger Ausfall der Juden zog das Gefecht in die Nähe des Tempels, und ein römischer Soldat warf aus eigenem Antriebe, oder vielmehr von einer höhern Hand geleitet, einen feurigen Brand in ein Fenster der an den Tempel gebaueten Zimmer. Sogleich breitete sich das Feuer in diesem Nebengebäude aus. Titus eilte alsbald den Brand zu löschen, aber seine Befehle wurden nicht vernommen. Die römischen Legionen drangen wütend auf den Tempel zu, unterhielten die immer weiter um sich greifenden Flammen, und erfüllten alles mit Blut und Leichen. Titus begab sich mit einigen seiner Heerführer selbst in den Tempel, besah dessen Heiligtum und die darin befindlichen Geräte, und fand, daß die Pracht alle Nachrichten davon weit überträfe. Er erneuerte die eifrigsten Bemühungen, dieses Innere des Tempels zu retten, aber vergeblich; der ganze Tempel ward, wie Josephus bemerkt, an eben dem Tage, da der erste von den Babyloniern verbrannt worden, durch die Flammen völlig verzehret. Ein allgemeiner Raub und die blutigste Niederlage verbreitete sich ohne einiges Verschonen in dem ganzen Raum des Tempels. Die römischen Soldaten pflanzten an das östliche Thor desselben ihre Kriegeszeichen, brachten daselbst ihre heidnischen Opfer und riefen den Titus als Sieger aus. Eine Anzahl Priester, so auf einer Mauer des Tempels ihre Sicherheit gesucht, flehete vergeblich um ihr Leben; Titus antwortete, die


