Druckschrift 
Evangelisch-lutherisches Gesangbuch der Hannoverschen Landeskirche : [nebst] Gebete [und] Lektionar
Entstehung
Einzelbild herunterladen

204 Die Geschichte des Leidens, Sterbens und der Auferstehung

ging Pilatus wieder hinein in das Richthaus und rief Jesum und fragte ihn und sprach: Bist du der Juden König? Jesus aber stund vor dem Land­pfleger und antwortete: Redest du das von dir selbst, oder haben es dir andere von mir gesaget? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet, was hast du ge­than? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde. Aber nun ist mein Reich nicht von dannen. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus ant­wortete: Du sagest es, ich bin ein König; ich bin dazu geboren und auf die Welt kommen, daß ich die Wahrheit zeugen soll; wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und da er das gesagt, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Und die Hohenpriester und Ältesten beschuldigten ihn hart, er aber antwortete nichts. Da fragte ihn Pilatus abermal und sprach: Antwortest du nichts? Hörest du nicht, wie hart fie dich verklagen? Und er antwortete ihm nicht auf ein Wort mehr, also daß sich auch der Landpfleger sehr verwunderte. Sie aber hielten an und sprachen: Er hat das Volk erreget damit, daß er gelehret hat hin und her im ganzen jüdischen Lande, und hat in Galiläa angefangen bis hieher.

Da aber Pilatus Galiläam hörete, fragte er, ob er aus Galiläa wäre? Und als er vernahm, daß er unter Herodis Obrigkeit gehörete, übersandte er ihn zu Herodes, welcher in denselbigen Tagen auch zu Jerusalem war. Da aber Herodes Jesum sahe, ward er sehr froh, denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte viel von ihm gehöret und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. Und er fragte ihn mancherlei; er antwortete ihm aber nichts. Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten stunden und ver­flagten ihn hart. Aber Herodes mit seinem Hofgesinde verachtete und ver­spottete ihn, legte ihm ein weißes Kleid an, und fandte ihn wieder zu Pilato. Auf den Tag wurden Pilatus und Herodes Freunde mit einander; denn zuvor waren sie einander feind. Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Obersten und das Volk zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir bracht, als der das Volk abwendet; und siehe, ich habe ihn vor euch verhöret, und finde an dem Menschen der Sachen keine, die ihr ihn beschuldiget, Herodes auch nicht; denn ich habe euch zu ihm gesandt, und siehe, man hat nichts auf ihn bracht, das des Todes wert sei; darum will ich ihn züchtigen und losgeben.

Auf das Osterfest aber mußte der Landpfleger nach Gewohnheit dem Volte einen Gefangenen losgeben, welchen sie begehrten. Er hatte aber zu der 3eit einen Gefangenen, einen sonderlichen vor andern, der hieß Barrabas, welcher war um eines Aufruhrs, der in der Stadt geschahe, und um eines Mords willen in das Gefängnis geworfen. Und das Volk ging hinauf und bat, daß er thät, wie er pflegete. Und da sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Ihr habet eine Gewohnheit, daß ich euch einen losgebe auf Ostern; welchen wollt ihr, daß ich euch losgebe, Barrabam oder Jesum, den König der Juden, von dem gesagt wird: Er sei Christus? Denn er wußte wohl, daß ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.

Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum von seinetwegen.

Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten und reizten das Volk, daß sie um Barrabas bitten sollten und Jesum umbrächten. Da antwortete