Druckschrift 
Vollständiges Christkatholisches Gebethbuch / von Michael Hauber, Erzbischöfl. geistl. Rathe, Hofpreidiger und Hofkaplan. Mit Bewilligung des Fürsterzbischöfl. Ordinariates Wien, der hochw. General-Vicariate der Erzbisthümer München-Freysing u. Bamberg, und der Bisthümer Augsburg [usw.]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

für die Verstorbenen.

539

vor Augen habe, und sich täglich zum Sterben rüste. Ja, o mein Gott! ich will weise werden, und meine bisherige Thorheit, womit ich sorglos dahin lebte, als dürfte ich nie sterben, im Ernste ablegen. Ich will von nun an Alles meiden, was mir einmal das große und entscheidende Ereig­niß meines Lebens, den Tod, furchtbar machen, oder auch nur erschweren könnte. Im Ernste will ich meine unordent­liche Anhänglichkeit an diese Erde bezähmen, und in heili ger Liebe Dir leben. Standhaft will ich die Lüste der Welt verschmähen, in allen Tugenden mit Eifer vorwärts schreis ten, und in strenger Buße, in Berläugnung meiner selbst, und in gottergebener Duldung alles Widrigen um Deinets willen ausharren- dann wird mir der Tod nicht mehr schrecklich noch schwer sein; vielmehr werde ich ihm mit Muth und heiterer Zuversicht entgegen gehen. So oft ich in Zukunft die Sterbeglocke höre, will ich denken: So wird sie auch mir einmal, und vielleicht bald, zu Grabe geläutet.

Wenn die Morgenstunde kommt, so will ich mit solchen Vorfäßen den Tag beginnen, als erlebte ich den Abend nicht mehr. Und wenn die Abendstunde heranrückt, so will ich es nicht mehr wagen, mir noch die Morgen­stunde zu versprechen; dann kann der Tod mich nicht überraschen und wenn der Menschensohn zu einer Stunde kommt, wo ich es am wenigsten erwarte, so fins det Er mich auch da nicht unvorbereitet.

D Herr! lehre mich bedenken, daß ich sterben muß, damit ich weise werde.

Jest ist die kostbare Zeit des Wirkens; jest sind die Tage des Heiles, jezt ist die Zeit der Gnade; jest muß der gute Christenkampf gekämpft, das schöne Ziel erstrebt, die Krone ach viel: des Lebens errungen werden; denn es kommt leicht schneller, als ich es denke- die Nacht des Grabes in welcher Niemand mehr wirken kann. Aber wehe mir, wenn ich mir dort einmal vorwerfen müßte, daß ich diese Zeit der Heimsuchung, in der ich mir Schåße sammeln konnte für die Ewigkeit, gewissenlos verschleudert, und blos der Sorge um das Zeitliche gewidmet håtte!- Oder muß ich es mir nicht wirklich jest schon vorwerfen?- des Leichtsinnes und der Gleichgültigkeit gegen mein wahres mein einziges Heil! Vielleicht, o mein Gott! vielleicht

O

1

1

--