Von dem Berufe
1. Das Herz des Menschen ist von Natur Lleichtsinnig und veränderlich; wenn ein vorübergehender Erfer. eine plötzliche Andacht, in welcher man ein Gelübde gethan hat, berschwindet, dann kommen zuweilen ganz andere Gedanken, und man kann das Versprechen nicht mehr zurückrufen.
2. Es gibt in der Weit viele gefährliche Gelegenheiten und unvorhergesehene Anfechtungen, welche das beste Vorhaben vernichten, und das Herz und die Neigungverkehren, besonders, wenn die Tugend noch schwach ist.
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3. Ein solches Versprechen gibt einem furchtsamen Gemüthe viel zu schaffen, und stürzt es gar oft in große Bangigkeit und beunruhigende Zweifel, welche die Freiheit des Geistes benehmen, und ein verwirrtes Gemüth zur christlichen Vollkommenheit untauglich machen.
4. Der allzugroße Eifer kann bei den Anfangenden gar bald erlöschen, und sich in die Lau- und Kaltsinnigfeit verkehren, wo sodann das Gelübde der Keuschheit ein unerträgliches Joch zu seyn scheinet.
5. Mit diesem Gelübde mußt du viele Sachen thun und meiden, die dich bei der verkehrten Welt unwerth und verächtlich machen. Wenn du es aber mit der Welt halten willst, wie kannst du eine Braut Christi seyn, und rein verbleiben?
6. Die Besorgniß der Armuth und der Verlaffenheit, in welche du außer dem Ehestande mit der Zeit gerathen fönntest, ist für eine in der Tugend noch schwache Jungfrau eine gefährliche Anfechtung, die ihr den Ehestand als ein verscherztes Glück vorbildet, und vielen Anlaß gibt, das gemachte Gelübde bei sich selbst zu verdammen, was der Jungfrauschaft allen Glanz benimmt, und ein Anfang ist des geistigen Ehebruches.
7. Die sinnlichen Antriebe sind zuweilen so heftig, daß eine in diesem Streite noch unerfahrne Tochter ihr Gelübbe als eine unmögliche Sache erachtet, und entweder sich heimlichen Sünden hingibt, oder, um in den


