im letzten Augenblick sein verstocktes Schweigen aufgebe und brauchbare Angaben über die Partisanenbanden in der Nachbarschaft mache.
Während der Ansprache von Dietz mußte ich immer wieder den Lehrer anschen, einen kleinen, schmächtigen Mann, dessen qualvoll verzerrtes und doch standhaftes Mãrtyrergesicht mich an gewisse Bilder von Hieronymus Bosch erinnerte. Er schien heftige Schmerzen zu leiden; das linke Auge war nur mehr ein aus der Hõhle hängender blutiger Klumpen; die Schultern zogen sich immer wieder wie im Krampf zusammen; aber er bewahrte in seiner gan⸗ zen Haltung eine unbeschreibliche Würde. Mit einemmal fiel er dem DPolmetsch, der ihm auf Dietzens Weisung den Vorgang des Pfãhlens zu beschreiben hatte, ins Wort.
Ich kann die Rede des Lehrer nur dem Sinn nach wieder- geben. Er sprach Jiddisch, manche seiner Ausdrücke plie- ben mir unklar; auch war ich aufgewühlt von widerspre- chenden Empfindungen, und der Rum rauschte mir noch in den Ohren— aber was er meinte, ist tief in mich hinein- gesunken, ich trage es mit mir, unverlierbar, solange ich noch lebe. Er Sagte etwa: ach habe schon verstanden, ihr müßt mir nichts weiter erklären, ich weiß, wozu ihr im- stande seid. Ich bin kein Riese, aber ich will lieber alles auf mich nehmen, was ihr an Quãlerei ausgedacht habt, als daß ich ein Verrãter werde. Keinen von uns könnt ihr auf die Knie zwingen, wir sind gewohnt, aufrecht zu gehen und in Freiheit zu atmen. Ihr mõgt uns zertrampeln, mich und die Frauen hier, und noch tausend und abertausend andere. Ihr mõgt alle Dörfer und Stãdte bis zur Wolga und vicl- leicht noch weiter erobern. Aber gewinnen werdet ihr da- bei nichts. Keinen Menschen. Keine Bleibe. Kein Gut. Rure Sache ist schlecht und schwach. Eure Zeit ist schon geressen. Ihr werdet weggefegt werden wie Unrat und zertreten wie Geziefer, und nichts wird von euch übrig blei- ben als die Erinnerung an eure Schande. v
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