Am nãchsten Morgen wurde Rum ausgegeben. Das war kein gutes Zeichen. Ein Spaßvogel meinte zwar, es sei mõglich, daß wir, ohne es zu wissen, den Krieg gewonnen hatten, aber er wurde ärgerlich niedergeschrien. Die all- gemeine Ansicht ging dahin, daß uns eine gefährliche Par- tisanenjagd bevorstehe. Es herrschte große Flaute. Als der Befehl zum Abmarsch erfolgte, waren wir alle angetrunken.
Uberraschenderweise ging es jedoch nicht zum Dorf hinaus. Wir nahmen vielmehr auf der Platz vor der nieder- gebrannten Kommandantur Aufstellung. Dieser Platz war über Nacht in eine Richtstãtte verwandelt worden, mit ei- nem großen Doppelgalgen, neben dem ein spitzer Birken- pfahl aufragte, dessen Bestimmung mir vorläufig unklar blieb.
Mit uns zugleich war die Besatzungskompanie von Glubokaja angetreten. Zusammen bildeten unsere Reihen drei Seiten eines Quadrats, in dessen Mitte sich der Galgen erhob. Das Quadrat wurde geschlossen, als die SS. Leute unter Pietzens Kommando einige dreißig Frauen und Kin- der— alles, was von der Bevõlkerung des Porfes und einer Nachbargemeinde noch am Leben war— wie eine Herde herantrieben. Viele waren im bloßen Hemd, alle bar- füßig. Wahrscheinlich hatte man ihnen nicht nur die Filz- stiefel, deren Besitz seit neuestem für russische Zivilisten unter Todesstrafe verboten war, sondern überhaupt alles Schuhwerk weggenommen. Sie froren im kalten Früh- novemberwind, aber nicht einmal die Kinder ließen eine laute Klage hören.
Hinter mir im zweiten Glied fragte jemand leise, oh es wahr sei, daß man zwei deutsche Deserteure hängen werde, die zu den Partisanen überlaufen wollten. Ich hatte nicht Zeit, mich umzublicken. Es wurde„Achtung, die Augen rechts!“ befohlen.
Der Ortskommandant, ein fettleibiger Oberleutnant, er- schien und schritt unsere Front ab. Hierauf winkte er Pietz
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