Die Gehstcige sind blank gefegt, die Rasenflächen und Gartenhecken sauber beschnitten, die Laternen alle intakt. Es ist ruhig hier, der Straßenlärm klingt sordiniert. Das Leben scheint auf Gummireifen dahinzurollen. Mur die großen dunklen Schnellwagen der Geheimen Staatspolizei, deren Prager Hauptquartier sich in dieser Gegend befindet, verleihen der soliden Vornehmheit und Stille eine etwas makabre Note.
Das Tor des Hauses Nr. 37— eines Gebäudes im Jugend- stil, mit vielen Säulchen, Erkern und Altanen— trug ein Porzellanschild mit der Aufschrift in gotischen Goldlet- tern: Fitel Friedrich Freiherr von Egloffstein, Rittmei- ster a. D., beim Stabe des Reichsnährstandsbeauftragten RPA.
Mut᷑ mein Lãuten hin öffnete ein knochiges Dienstmäd- chen in weißem Hãubchen das Tor. Ich wurde kritisch ge- mustert, Zweimal nach meinem Namen gefragt, schließlich in ein Zimmer neben dem Vestibũl geführt und dort allein gelassen.
Das Zimmer hatte fünf hohe Fenster, doch waren alle Jalousien heruntergelassen, so daß eine unbestimmte Dãm- merung herrschte, an die sich meine Augen erst gewöhnen mußten. Eine der Jalousien schloß nicht ganz. Durch den handbreiten Spalt, den sie freiließ, war ein Stũckchen Gar- ten mit leuchtenden Asternbeeten zu schen; in dem herein- fallenden Lichtband wirbelte eine Kavalkade von Staub- kõrnern.
Ich blickte mich um.
Die Zimmereinrichtung entsprach nicht im geringsten der üppigen Fassade des Hauses; sie war vielmehr von preußischer Nũchternheit und Strenge.«Pillkallen in Prag lv ging es mir beim Anblick der schweren Fichentische durch den Kopf, beim Anblick der steifen geschnitzten Stühle, der engbrüstigen Schubladenschränke, der schmalgerahm- ten Schattenrisse, der plũschenen Portieren und der Wand-
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