unerwarteten Stelle und zu einer unerwarteten Zeit in Er- innerung brachte.
Ich tauchte aus dem Halbschlat auf, in den mich die nach- mittägliche Injektion versenkt hatte. Es wurde schon Abend, sanft und langsam, wie es an warmen September- tagen in Prag Abend wird.
Zuerst wußte ich mit dem Durcheinander von anschwel- lenden und wieder abreißenden, einander überblendenden Stimmen, Pfeiftõnen und Akkordfetzen nichts Rechtes an- zufangen, doch im nächsten Augenblick wurde mir klar, daß jemand am Radio herumdrehte.
Ich hob den Kopf und sah nun den Schattenriß Klobocz- niks gegen das helle Scheibenviereck abgezeichnet. An der Art, wie er zusammengekrümmt und mit zuckenden Schultern auf dem Fensterbrett hockte, erkannte ich, daß er schlechter Laune war. Er fischte offenbar nach einem Unterhaltungsprogramm, hatte aber kein Glück: der Ather war von Heeresberichten und vaterländischen Vorträgen erfüllt. Der Stadtname Stalingrad und Satzfetzen wie ,Bei- Spiellos erbitterte Kãmpfe... selbstmõrderischer bolsche- wistischer Widerstand... Frage nach der Länge der Kriegs- dauer nebensächlich, klangen in verschiedenen Abwand- lungen immer wieder auf. Dann brach eine überlaute Stimme, die des Prager Polizeifunks, durch: 4.. alle Vor- genannten zum Tode durch Erhängen wegen unbefugten Waffenbesitzes und reichsfeindlicher Tätigkeit im Zusam- menhang mit dem Komplott zur Verbergung der Atten- täter. v
Klobocznik knipste ab. Einige Sekunden lang blieb er noch auf dem Fensterbrett sitzen, rieb sich die Glatze, hü- stelte und brummte vor sich hin. Schließlich stand er auf und kam an mein Bett heran. In der nun schneller vor- schreitenden Dãmmerung flackerten seine fragend auf mich gerichteten Augen in einem trüben Glanz.
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