Druckschrift 
Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
359
Einzelbild herunterladen

nau, daß Haltmachen und Niedersetzen soviel bedeutete wie Einschlafen und Erfrieren. Und doch zog mich der schneebedeckte Boden mit teuflischer Gewalt an. Ich fühlte mich niedersinken, lange bevor ich tatsãchlich hinstürzte (ũbrigens so glücklich, daß ich mir die Nase an einem Felsbrocken blutig stieß, was mich wachrũttelte und ret- tete).

Das gleiche Vorgefũhl des Stürzens hatte ich auch jetzt wieder. Aber diesmal spũrte ich nicht nur meinen eigenen Sturz voraus. Diesmal war mir's, als lockerten sich rundum alle Bindungen, als müßten die Menschen, die Dinge und Zustãnde ins Gleiten geraten unaufhaltsam wie bei einem gewaltigen Erdrutsch.

Was lag unter solchen Umstãnden noch an einem Hinzel- schicksal? Am eigenen oder an dem einer schon lange aus den Augen und aus dem Sinn verlorenen Schwester?

Was war ũberhaupt noch von Wichtigkeit?

Was behielt noch Wert, Sinn, Zweck?

6

Es gibt Geschoßverletzungen, die so rasch, ohne alle üblen Nachwirkungen, ohne merkliche Narben verheilen, daß man versucht ist, sie võllig zu vergessen. Aber in der Wunde, die sich so schnell geschlossen hat, ist ein Metall- Splitter zurückgeblieben, und dieser Splitter tritt eine ge- heime Wanderung an. Eines Tages bleibt er irgendwo, weit entfernt von der ursprũnglichen Wundstelle, stecken und ruft eine Eiterung hervor. So tritt die vergessene Ver- letzung plõtzlich schmerzhaft wieder in Erscheinung.

Eine ähnliche Erfahrung machte ich jetzt: der gepol- sterte Schock war nur scheinbar gepolstert gewesen, nur scheinbar spurlos verebbt und versickert. In Wirklichkeit hatte er eine unsichtbare Wunde zurückgelassen, einen heimlich wandernden Geschoßsplitter, der sich an einer

359