Druckschrift 
Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
358
Einzelbild herunterladen

Wir waren in den letzten jahren weit auseinanderge- raten, Barbara und ich; wir waren einander sehr fremd ge- worden. Was wußte ich noch von ihr d Was hatte sie noch mit meinem, was hatte ich mit ihrem Leben zu tun? Wann dachte ich ũberhaupt noch an sie?

Und doch, trotz aller Entfernung und Entfremdung stand Barbara mir unter meinen Geschwistern am näch- sten; am nächsten, weil die ũbrigen mir noch ferner standen.

So hätte mich zu jeder anderen Zeit eine Nachricht wie die von ihrer Verurteilung in einen Wirbel widerspruchs- voller Gefühle gestürzt; in brüderliche Sorge, Hilfsbereit- schaft und Angst, besonders in Angst, panische Angst vor der Vorstellung, ich kõnnte mit Barbaras Angelegen- heiten irgendwie in Verbindung gebracht werden. Und zu jeder anderen Zeit wãre ich durch diesen Wirbel aus dem Geleise geworfen worden.

Zu jeder anderen Zeit. Doch warum jetzt nicht? War- um war der Schock, den ich beim Lesen der Zeitungsno- tiz empfing, so schwach, gleichsam gepolstert? Warum war er abgeglitten, verebbt, versickert, ohne ein Nachzit- tern, ja, ohne eine Erinnerung zu hinterlassen?

Kam diese Gefühllosigkeit von den starken Injektionen, die ich jetzt ⁊weimal tãglich erhielt, damit mein steifes Bein schneller geschmeidig werde? Oder war es vor allem die ahnungsvolle Empfindung, in einem allgemeinen Prozeß des Abgleitens begriffen zu sein, war es diese Empfin- dung, die mich so sonderbar paralysierte?

Als halbwüchsiger Junge war ich einmal bei einer Ski- tour im Riesengebirge von schwerem Nebel überrascht worden.

Ich verlor meine Gefährten.

Ich kam vom Wege ab.

Die Dunkelheit wuchs und mit ihr meine Müdigkeit, mein Verlangen nach einer Rast. Dabei wußte ich ganz ge-

358