ragte hervor. Ich schlug das Buch dort auf, um den über- schüssigen Papierrand zu stutzen. Dabei blieben meine Augen an einer Stelle haften:
(Oh, über diese preußischen Bauern, die nie einen männ- lichen Zorn, nie eine stolze Liebe, nie einen Eigenwillen hatten, die sich wie die Schafe verkaufen, vertauschen, ver- schenken, abtreten lassen...v
Die gemũtliche Ruhe war mit einem Schlage dahin. Ich wollte das Buch weglegen, aber ein innerer Zwang er- laubte mir das nicht. Ich blätterte ein paar Seiten um, las wieder, in steigender Verwirrung:
Sie meinen, wenn sie zur Fahne eines Kõnigs oder Für- sten geschworen haben, müssen sie blind alles tun, was er ihnen gebietet. Sie achten sich also nicht als Menschen, die einen freien Willen von Gott erhalten haben, sondern als dumme Tiere, die sich treiben lassen. Und diesen tierischen Zustand und diesen blinden Gehorsam gegen ihre Herren nennen sie ihre Soldatenehre und meinen, Soldatenehre sei ein anderes Ding als Bürgerchre und Menschenchre. Das ist aber nicht wahr. Das ist die wahre Soldatenehre, daß keine Gewalt noch Herrschaft den edlen und freien Mann zwingen kann, das Schändliche oder Unrechte zu tun oder tun zu helfen. v
In meinem Kopf drehte sich alles. Warum bestellte sich Gerhard dieses Buch? War auch das eine bloße Marotte wie die Reden, die er mir in dem alten Gastlokal hinter dem Pulverturm gehalten hatte? Eine Marotte, die nur dem Pflaumenschnaps oder der Silberplatte im Schãdel ihre Ge- burt verdankte, oder etwas ganz anderes? Mich ergriff eine Art Panik. Die Sätze, die ich eben gelesen hatte, klangen nach, und auf einmal schien mir, als spreche hier nicht ein alter, längst vermoderter Schriftsteller, sondern jemand, der heute lebte und den ich kannte; jemand mit zusammen- gekniffenen hellen Augen in einem breiten, undurchdring- lichen, wie aus Holz geschnittenen Gesicht.
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