zwei- oder dreimal im Jahr die braune Kluft anzichen darf und nichts ist als ein besserer Veteranenverein. Na, an die- sem Tag durfte sie's wieder einmal, und das machte den Bruder wohl gesprächig. Er fing an, mit dem Wirt Erin- nerungen auszutauschen. Ob der sich noch an das glor- reiche Treuegelõbnis der SA., dreiunddreißig im Berliner Lustgarten, erinnerte.„Klar', sagte der Wirt,, das waren noch Zeiten“. Und der Apotheker drauf:, Ganz recht, wo sind die hin? Weißt du noch, bei der Totenehrung, wie sie die Namen der dreiundvierzig aufgerufen haben? Horst Wessel , Max KHirschmann, Herbert Lorkus und die ande- ren... und hunderttausend haben geantwortet: Hier! Aber heute? Wenn wir rufen, dann antworten vielleicht dreiund- vierzig für hunderttausend. So schn wir aus. Wer hãtte das gedacht?“ Ja, wer hätte das gedacht?
Maurer schwieg. Der harte Glanz seiner Augen ließ et- was nach. Fin grimmiges Lächeln stahl sich hinein. Wenn ihr übrigens genau wissen wollt, wie die Stimmung im Rheinland ist, müßt ihr euch bloß mal nach den neuen Stãdtenamen erkundigen. Elberfeld heißt im Volksmund nur noch Jammerfeld, Barmen nennt sich Erbarmen, und statt Köln am Rhein sagt man überall Köln am Arsch... Köln am Arsch, das drückt die wahre Stimmung aus.v
Ich fing einen Blick von Dietz auf und erschrak: für Maurer, aber auch für uns übrige. Denn vor diesem Blick waren wir alle Verbrecher— Maurer, weil er solche Reden führte, und wir andern, weil wir sie mitanhörten. Ich wurde von dem Wunsch, mich vor Dietz weißzuwaschen, und von der Scham über diesen Wunsch hin- und hergerissen. Ich empfand Sympathie für Maurer, doch zugleich erschien mir sein Verhalten wahnwitzig. Es muß ein Alibi geschaf- fen werden, ein Alibi oder eine Ablenkungꝰ, überlegte ich; mein Gehirn arbeitete rasend, aber zwecklos wie ein im Schlamm festgefahrenes Autorad.«Eine Ablenkung, eine Ablenkung, dachte ich, dein Königreich für eine Ablen-
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