Druckschrift 
Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
291
Einzelbild herunterladen

zeigte zum Fenster hinaus nach dem kroatischen Zug.«Hör nur, sie singen schon wieder, ganz friedlich und manier- lich. v

Sie sangen in der Tat wieder. Nichts von Trotz oder Auf- lehnung war in ihrem Gesang, nur Trauer, nur Schwer- mut. Aber mir war es auf einmal, als verschmelze er mit einem andern Lied, einem gleich klagenden und schnsüch- tigen, das dennoch voller Zuversicht und drohender Ver- heißung war, mit dem, Kde domov mujꝰ?, wie ich es in dem Lehmbruch auf der Rückfahrt von jener mißglückten Haussuchung bei dem falschen Herrn Rubesch gehört hatte. Der Gedanke machte mich frieren. Ich stopfte mir die Ohren zu, ich suchte die Wãrme des Vergessens. Poch tief im Innern flickerte eine Ahnung, und heute weiß ich's: die- ses von zerschlagenen, wehrlosen Gefangenen vor den Läãu- fen unserer Gewehre gesungene Lied wird mich nie wieder verlassen. Es gehört zu jenen Begebnissen, von denen man erst viel später merkt, daß sie gewissermaßen einen Kor- ken haben, an dem sie emporgetragen werden aus der Tiefe der Vergangenheit unsinkbar, unverscharrbar, solange man atmet.

Einmal stand ich Posten vor einem Zug, der etwas außer- halb des Bahnhofs hielt. Es war ein Gefangenentransport. Aus zwei Waggons trug man unterwegs Gestorbene; sie sahen dürftig aus, gleich Kinderleichen. Als die Eskorte Brot verteilte wie Futter in Tierkãfige wurden ein paar Laibe in jeden Wagen geworfen=, erhob sich ein unmensch- liches Hungergebrüll. Ich sah weg. Ich hörte weg. Aber auch dieses Gebrüll, auch diese Leichen haben ihre Kor- ken.

Einer der Wagen war mit einer gelben Tafel verschen, auf᷑ der Militãr-Strãflinge stand. Es war ein sogenannter Schubwagen mit vergitterten Fenstern. Seine Insassen Sprachen Deutsch . Sie waren von Feldgerichten wegen De-

291