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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
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Wãhrend meiner Leipziger Studienjahre hatte ich, wie jedes neue Mitglied des Studentenbundes, einer jener klei- neren Bücherverbrennungen beizuwohnen, die regelmäßig zwei- oder dreimal im Jahre veranstaltet wurden, um den akademischen Nachwuchs in das Wesen des Kampfes ge- gen die Intelligenzbestie' einzuführen.

Die Privatbibliothek, deren viele, schön gehaltene Le- derbãnde wir auf einen Ochsenkarren verluden und zum Verbrennungsplatz vor der Universitãt fuhren, gehörte ei- nem ins Konzentrationslager gesteckten jüdischen Do- zenten für vergleichende Literaturgeschichte. Jeder von uns Neulingen mußte einen Arm voll Bücher den Flam- men übergeben und dazu eine kurze Rede halten.(Ich be- kam von meinem politischen Stoßtruppleiter als Therma das Goebbels-Wort zugewiesen: ,Wir Deutschen haben in der Vergangenheit zuviel gedacht. Das hat uns den In- stinkt für die Politik genommen.)

Eines der Bücher, die ich auf den Scheiterhaufen warf, rollte herunter und verkohlte nur langsam. Ich sah es wäh- rend der ganzen langen Zeremonie glühen, sich gleich- sam vergeblich gegen das Feuer zur Wehr setzen, bis es schließlich zerfiel. Ich kannte seinen Inhalt nicht. Erst viel Spãter erfuhr ich, daß es zu den großen Werken der Welt- literatur gehört. Aber sein Titel,Die Toten Scelen' prãgte sich mir schon damals tief ein; er beschäftigte oft meine Phantasie und nistete in meinen Träumen. Wann immer ich in der Zeit nach Seelkes Selbstmord aus der Starre von Stumpfsinn und Taumel emportauchte und ũber uns nach- dachte, erschien es mir, als seien wir so etwas wie tote See- len.

Eines Tages vertraute ich diese Vorstellung meinem Ta- gebuch an. Ich verzeichnete darin für gewöhnlich nichts als dürre Tatsachen; nur selten berührte ich, was in mir

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