Unter dem schweren Augenlid Chabruns glänzte es auf. War es Spott oder eine Träne? Er sagte näselnd, in den Rauch der Zigarette hinein, die er wãhrend des Sprechens im Mundwinkel behielt: Fauld? Nein. Zumindest nicht daß ich's wüßte. Und es liegt auch gar nichts daran, weil ich doch wohl keine Gelegenheit haben werde, diese Erb- schaft anzutreten. Irgendeinmal muß es mir ja schließlich gelingen, wieder ins Feld zu kommen. Trotz den Verbin- dungen von meiner Frau Mama, die ihren Einzigen natür- lich beschũtzen und behalten mõchte,— was übrigens auch abscits von den mütterlichen Gefühlen zu begreifen ist, wenn man sicht, wie unsere preußischen Adelsfamilien dies- mal herhalten. Da, schaut euch nur den Zastrower Anzei- ger an, den mir meine alte Dame geschickt hat! In der gan- zen Spalte Familiennachrichten? nichts als: gefallen, gefal- len, gefallen. Drei Grafen Platen, zwei Twardowskis, zwei Flotows, siebzehn und achtzehn, ein Hagenow, vier Pritt- witze, dann ein neunzehnjähriger Puttkammer und noch ein Dutzend solcher Namen. Das ganze brandenburgische Adelsregister. Auch mein Vetter Isko ist darunter, der letæ- te mãnnliche Verwandte, den ich noch hatte. Ja, die alten Familien scheinen sich samt und sonders ein Rendezvous in der ukrainischen Erde gegeben zu haben; die Bauern dort unten werden spãter mal ein stupendes Korn zichen, und wenn ich gar an die Kartoffeln von diesen hocharisto- kratisch gedüngten Feldern denke... vChabrun nahm den winzigen Rest, der von der Zigarette übriggeblieben war, aus dem Mund; interessiert betrachtete er den Stummel wie einen seltenen Fund. AMls er weitersprach, hatte er wieder einmal in seiner abrupten Art den Ton gewechselt: Diese ganze Betrachtungsweise ist naturellement das Produkt sen- timentaler Gehirnerweichung. Denn wo gehört der alte preußische Adel schließlich hin, wenn nicht auf die Felder der EHhre? Und was hat das Meditieren ũberhaupt für ei- nen Zweck? Kommt, geh'n wir in die Kantine. Ich zahle
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