Druckschrift 
Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
252
Einzelbild herunterladen

sie nicht etwa, sie sind bloß so vertrackt still. Doch das nur so nebenbei. Worauf mir's ankommt, ist das hier: frü- her war unser ganzes Dasein genau geregelt, auch im Krieg, nimm nur die Feldzüge der ersten zwei Jahre, da ging alles wie nach dem Fahrplan. Die Züge flitzten nur 8o ab und kamen an, pünktlich, streng vorschriftsmãßig. Dann, in diesem letzten Winter, gab es einen Knacks, und seither ist alles irgendwie aus den Fugen. Auf nichts kannst du dich mehr verlassen. Alles ist durcheinander: die Ge- Schwindigkeiten, die Fahrzeiten und die Richtungen. Gott - verdammich, man hat immerzu das Gefühl, in einem von diesen Zügen ins Blaue? zu sitzen, wie man sie früher zu Weihnachten und Ostern hatte, nur ist es kein Vergnü- gungsunternehmen mehr; das Blau sicht verdammt nach Schwarz aus, und überhaupt könnte man an einen Expreß ohne Bremsen und ohne Endstation denken. Das heißt, nur wir Passagiere haben keine Ahnung, wohin die Reise geht.»

Gerhard unterbrach sich, sichtlich erschreckt von seinen eigenen Worten. Es mochte das erste Mal sein, daß er halbe Gedanken zu Ende gedacht und formuliert hatte. Er zer- knüllte die Reste der Papierserviette, schenkte für sich und mich neu ein.

(Ubrigens, wenn du vielleicht glaubst, ich sei nicht mehr mit Leib und Seele bei der Sache, dann hast du dich ge- schnittenv, sagte er nach einem schrägen Blick über sein Schnapsglas hinweg; cich bin immer noch der Alte. Und im Vertrauen, Hans, es gibt nichts Größeres, als Offizier der Großdeutschen Wehrmacht zu sein, eine Truppe zu führen, eine kriegsstarke Batterie zum Beispiel. Nein, es gibt nichts Größeres als deutscher Offizier zu sein, seinen Mannschaften vorzuleben und, wenn nõtig, vorzusterben, aber davon wollen wir nicht reden. Und natürlich gilt im- mer noch das Wort vom Mlten Fritz, daß der Geist einer Armee in ihren Offzieren sitzt, und daß die Unteroffiziere

252