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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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er es tat, erkannte ich, daß er sich in Gedanken ganz an- derswo befand.

Gerhard schwieg eine Weile. Als er von neuem zu spre- chen anfing, fand ich meine Vermutung, daß er mir gar nicht zugehört hatte, bestätigt. Aber nicht nur das. Es wurde mir klar, daß Gerhard weit entfernt war von allem, worũber wir bisher gesprochen hatten; weit entfernt auch von dem, was er selbst frũher gedacht haben mochte.

Ich hatte Gerhard immer nur als einen nüchternen, zu- rũckhaltenden, beinahe starren Menschen gekannt, in dem ein fanatischer Glaube an den Fũhrer und an die siegreiche Zukunft des Nationalsozialismus brannte. Ich werde wohl nie vergessen, mit welchem Ausdruck von Hingabe, Ver- bissenheit und Inbrunst Gerhard das Sturmlied sang, als er nach der behördlichen Auflösung der Ordnertruppen, in den bewegten Frũhlingstagen des Jahres achtunddreißig seine Kluft wegpackte; er war zutiefst überzeugt, daß sich die Versprechung des Liedes erfüllen, daß ihm und seinen Kameradenheute Deutschland und morgen die ganze Welt' gehören werde. Und selbst als sich nach dem ersten Rußlandwinter in seine Feldpostbriefe eine grimme Note einschlich, blieb doch der Unterton unerschütterlichen Glaubens an den deutschen Sieg da, ,auch wenn wir, um ihn zu erringen, durch einen neuen Dreißigjãhrigen Krieg hindurch müßten.

Der Gerhard, den ich jetzt mir gegenüber fand, war selt- sam unausgeglichen, eruptiv, voller innerer Gegensätze. Bisweilen schien es mir, als Spreche aus ihm Chabrun. Dann wieder war es der Fabrikant Posselt aus R..., und plõtz- lich hatte er sich in den alten Gerhard zurückverwandelt, in den von keinerlei Zweifeln heimgesuchten, fanatischen Alten Kämpfer. Auch in der Redeweise zeigte sich diese Zerrissenheit: bald sprudelte er die Sätze hervor, ohne sie recht zu beenden, bald wieder war es, als halte er einen abgewogenen, sorgfãltig vorbereiteten Vortrag.

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