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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
195
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Doch gerade das wollte ich nicht. Ich wollte die Augen nicht offenhalten. Ich wollte mich abfinden. Ich woilte weiterschwimmen mit dem Strom der Gewöhnung. Und das gelang mir auch. Nur hin und wieder ercignete sich etwas zum Beispiel jenes kleine Erlebnis, das ich auf dem Weg vom Bataillonsrevier zum Quartier hatte, jener Vor- fall mit der alten Bäuerin an der Liebener Brücke; da wurde ich dann plõtↄlich aus dem Strom herausgeschleu- dert und mußte die Augen õffnen, und starrte in eine ab- gründige Tiefe.

Die Alte stand auf der Verkehrsinsel gegenüber der Brücke, rundrũckig, weißhaarig, in einem weiten, dunklen Kleid und einem bãuerlichen Kopftuch. Auf einen Stock gestützt, wartete sie darauf, daß ihr jemand über den Fahr- damm helfen würde. Ich bot ihr meinen Arm und führte sie auf die andere Straßenseite.

Panke, mein Söhnchen, Gott soll es dir lohnen?, Sagte sie in einem tschechisch, das ich nur schwer verstand, GSott segne dich!

Ich sah erst jetzt, daß ihre großen hellen Iris blind wa- ren. Sie tastete mit ihren Händen über meinen Arm, be- rührte dabei die Uniformknöpfe, die Finger fühlten den Reichsadler und das Hoheitszcichen. Jãhlings verdunkelte sich das Greisinnengesicht, wurde starr vor Ekel und Ent- setzen. Mit einer zitternden Bewegung stieß sie mich von sich und schrie: ach habe einen Deutschen angerũhrt! Ich habe einen Deutschen angerührt! Es klang so, als würde sie sagen: aIch habe einen Aussätzigen angerührt!l

Vorũbergehende blieben wie festgenagelt stehen, starr- ten herüber, eilten überstürzt weiter. Ein Mädchen kam herzugelaufen, nahm die Alte um die Schulter, flüsterte ihr etwas ins Ohr und führte sie weg.

Ich stand plötzlich ganz allein da. Straßenpassanten machten einen Bogen um mich. Weit und bieit war keine deutsche Uniform zu schen. Das beunruhigte mich, war