Für eine Weile wurden die Wãnde der Stube, wurden die Tische und Menschen weggespült von einer unsichtbaren Flut, aus der nur ein paar Lichter, Liedfetzen und Ausrufe auftauchten. Die Flut ebbte ab, als Laurinek mit einem Maßkrug auf den Tisch schlug, um Ruhe für eine Radio- meldung aus dem Führer-Hauptquartier zu schaffen. Fine blecherne Stimme verkündete einen stolzen Sieg in Ab- wehr schwerster feindlicher Angriffe bei Charkow und den Beginn eines Artillerie-Großangriffs auf die russische Fe- stung Sebastopol. Jemand schrie:«Hurra lv jemand anders stimmte das Deutschlandlied an, aber der Gesang starb ab: Gläserklirren, Geläãchter und Tischgespräche schwollen von neuem an und füllten den Raum.
Ich stand auf und ging zum Fenster, um ein wenig ftische Luft zu schõpfen. Ein kahlköpfiger Mann mit einem Geier- profil trat ⁊u mir. Ich erkannte den Vater eines meinerfrũhe- ren Mitschũler, Herrn Posselt, Besitzer einer grõßeren Glas- fabrik. Vor dem Anschluß des Sudetengebiets an das Reich hatte er in den nationalen Kreisen von R... im Rufe eines unsicheren Kantonisten gestanden. Man erzählte sich, daß er eingeschriebenes Mitglied dreier verschiedener Parteien sei und darum ins Konzentrationslager wandern werde, wenn erst einmal, der Tag“ gekommen sei. Als aber der Tag kam, stellte es sich heraus, daß Herr Posselt seit Jjahren der nationalsozialistischen Bewegung regelmäßige Zu- wendungen gemacht hatte. Er kam nicht ins Konzentra- tionslager, sondern in den Stadtrat, und seine Glasfabrik, die als eine der ersten des ganzen Bezirks auf Munitions- erzeugung umgestellt wurde, erhielt die fettesten Auf- trãge.
(Na, nun geht's ja wieder los im Ostenv, meinte Hert Posselt, ada kommt auch die Weltgeschichte von neuem ins Rollen.* Er biß die Spitze einer dicken schwarzen Zi- garre ab; ein zweideutiges Grinsen erschien auf seinem Ge-
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