hütten und Schleifmũhlen konnten nicht auf die Erzeugung von Heeresmaterial umgestellt werden, und der Glasexport schrumpfte in jener unsicheren Zeit— der Friede war schon tot, aber der Krieg noch nicht ausgebrochen= von Woche zu Woche mehr ein. Das in Aussicht gestellte grandiose Arbeitsbeschaffungsprogramm schien in Vergessenheit ge- raten zu sein. Nur einige Umbauten waren in Angriff ge- nommen worden; das Bezirksgericht bekam ein Stockwerk aufgesetzt und die neue Bürgerschule wurde in eine Kaserne umgewandelt. Zwar begann man auch, gleich nach dem Anschluß, mit dem Ausheben des Grundes für ein Braunes Haus , einem Monumentalbau nach Münchner Muster, doch mußte die Arbeit kurz nach der feierlichen Grundsteinle- gung wegen Materialmangels eingestellt werden. Die Orts- leitung der NSDAbP. unter Lehrer Zemlitschka(der übri- gens um Namensänderung angesucht hatte und sich jetzt schon Zeckendörffer nannte), wurde vorläufig in der beschlagnahmten Villa des jüdischen Exporteurs Selig- mann untergebracht, den sein früherer langjähriger Prokurist Prokesch, neubestellter Sicherheitskommissar und SS.Sturmführer, ins Konzentrationslager Buchenwalde brachte.
Die erwerbslosen Schleifer und Angestellten der Export- häuser übten einstweilen, in Erwartung des Befehls zum Einsatz in künftigen Arbeitsschlachten, alltäglich Präsen- tiergriffe mit dem Spaten. Sie wurden von der Volkswohl- fahrt aus Feldküchen verpflegt; die Essenverteilung hatte in der ersten Woche unter Fanfarentõnen auf dem Markt- platz stattgefunden, ging aber seither still und ohne alle Ze- remonien irgendwo am Rande des neuen Exerzierplatzes vor sich.
Man konnte den Eindruck, den die Stadt und die mei- sten Menschen darin machten, am besten mit dem Wort grau umschreiben. Es war das Grau eines Spãtherbsttages, an dem es leise, aber ununterbrochen nieselt.
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