Druckschrift 
Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
108
Einzelbild herunterladen

derat gewãhlt und erhielt einen bezahlten Magistratsposten. Bei dem halben Aufstandsversuch, den die Henleinleute im September 1936 unternahmen, gehörte R... zu jenen Stäãd- ten, in denen die Hakenkreuzfahne auf den õffentlichen Ge- bãuden gehißt wurde. Meine Brüder verrichteten für einen halben Tag Polizeidienst auf dem Marktplatz, und Onkel Helmut saß wãhrenddem im Präsidialzimmer des Bezirks- gerichts, das er kommissarisch übernommen hatte.

Als noch vor Ablauf eines ganzen Tages alles abgeblasen wurde, und wer immer von den Aufstãndischen die Mittel und Wege dazu besaß, ins Pritte Reich flũchtete, stand fast in jedem Haus der Oberen Stadt ein Bett leer. Pafür wur- den kaum zwei Wochen spãter, nach der Ubergabe des Su- detengebietes an Hitler , die Rückkehrenden mit Blumen, Musik und Glockengeläute empfangen. Und als wenige Tage darauf der Führer selbst in R... einzog und eine Truppenparade auf dem Marktplatz abhielt, kannte die Be- geisterung keine Grenzen. Nach einem Brief von Kurt wa- ren in jenen Tagen die Mãdchen billiger zu haben als Brom- beeren, und in der Tat verzeichnete die Stadt im nãchsten Jahre einen außerordentlichen Zuwachs an Geburten. So groß war die Zahl der, Einzugskindchen, daß die Frauen- schaft ein eigenes Heim für sogenannte Staatsmütter ein- richtete.

Wãhrend der stũrmischen Jahre war ich, von kurzen Fe- rienaufenthalten abgeschen, nicht in R... Ich studierte da- mals: zuerst in Prag , dann in Leipzig . Von den Vorgängen zu Hause erfuhr ich zumeist nur durch die Zeitungen und die Berichte meiner Angehörigen.

Bei meinem ersten Besuch in der, befreiten Heimat? fand ich die Begeisterung der Einmarschtage, die kaum ein hal- bes Jahr zurũcklagen, bereits verraucht. Dem Anschluß an das Großdeutsche Reich war die verheißene Schlagartige Besserung der Lebens verhãltnisse nicht gefolgt. Die Druck-

108