Lange bevor die Zeitungen von Adoſf᷑ Hitler und den Na- zis zu schreiben begannen, hörten wir in der Schule schon von Herrn Oberlchrer Zemlitschka, daß der Tag kommen müsse, an dem ein erwachtes Deutschland auch unsere Hei- mat befreien werde. Auf jenen Tag habe sich jeder echte sudetendeutsche Junge beizeiten vorzubereiten. Zur Vor- bereitung gehörte das Uben des Stechschritts und das Sin- gen von Liedern, in denen wir GroBdeutschlands Fahnen wehen ließen oder uns ein Rõslein an den Stahlhelm steck- ten, den Stahlhelm mit dem Hakenkreuz... Daß Stech- schritt und Singen im Verborgenen geübt werden mußten, verheimlicht vor den Behörden der Republik , erschien auch denjenigen unter uns, die, wie ich, gar nicht mit dem ganzen Herzen dabei waren, als etwas besonders Anzie-
hendes.
Von der großen Wirtschaftskrise zu Beginn der Dreißi- gerjahre wurde meine engere Heimat schr hart hergenom- men. Auch Onkel Helmuts Exportfirma machte damals Pleite. Selbstverständlich waren die Tschechen und Juden an allem schuld. Die großdeutsche Schnsucht wurde aus ih- rem Versteck hervorgeholt. Man schwärmte wieder vom Anschluß ans Reich, um so mehr, als von dort her eine neue Sprache, die Sprache der Macht gesprochen wurde, für die man in R... ja schon immer ein feines Ohr gehabt hatte. Konrad Henlein , der heimliche Statthalter Hitlers in den Sudeten, hatte in meiner Heimat großen Zulauf. Unsere Familie stellte ihmn einige seiner ersten Gefolgsleute. Meine Brüder Kurt und Gerhard traten in die getarnte SM., die sogenannte Ordnertruppe ein; Onkel Helmut wurde Amts- walter der Sudetendeutschen Partei, und Anneliese war Mitbegrũnderin der Frauenschaft.
Nach den Gemeindewahlen, die zum erstenmal Henlein in vollem Aufstieg zeigten, kam R... auf die Ehren- und Siegerliste der Partei. Onkel Helmut wurde in den Gemein-
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