nen die Fabrikanten, die Exporteure, die Inhaber der Glas- warenhandlungen, die Betriebsleiter und Prokuristen, die strebsamen oder höher bezahlten Handlungsgehilfen, die Staatsbeamten, die Rechtsanwälte, kurz, die sogenannten besseren Kreise. In den krummen Gassen der Unterstadt hausen die Packer und Arbeiter der großen Unternehmun- gen, die Hisenbahner, Handwerker, Krämer, vor allem aber die Kleinmeister und Gehilfen, die mit der Endzu- richtung der Bijouterie zu tun haben,— die Galvaniseure, Similiseure, Gürtler, Glasmaler, Estampeure und wie sie sonst noch heißen.
Glas, Glas.. davon lebte, darum bewegte sich, darũber Sprach, soweit ich zurũckdenken kann, die Stadt. Zu mei- nen frũhesten Kindheitserinnerungen gehört die sonder- bare Silhouette des Blauen Steffl, eines alten Perlenmachers, der das Silber noch mit dem Mund in die Glasperlen ge- blasen und dabei zuviel Silberoxyd unter die Haut bekorm- men hatte; und dann das Bild eines Verkehrsunfalls, bei dem mehrere Kisten mit Schmuckwaren zertrümmert wur- den: die ganze Straße vor unserem Haus lag wie verschneit da, mitten im Sommer,— und die Schneeflocken waren glit- zernde Similidiamanten und Opale.
In den Gesprächen, die wir Kinder zu Hause oder bei Familienausflũgen aufschnappten, spielten die weltweiten Handelsbezichungen von R... eine große Rolle. Insbe- sondere Onkel Helmut, der selbst Teilhaber einer kleinen Exportfirma war, vertrat bei jeder Gelegenheit wortreich die Ansicht, daß nicht nur die ganze Stadt, sondern jeder nationalbewußte deutsche Mann in den Sudeten stolz dar- auf Sein mũsse, daß die Bijouteriewaren von R...(diese Zeugnisse deutschen Gewerbefleißes und deutscher Tüch- tigkeit, wie er sie nannte) bis in die entlegensten Gegenden geliefert wurden: nach Patagonien und Sierra Leone und Tahiti und Manhattan . Der exotische Klang dieser und
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