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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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trugen noch Sõckchen und lange Zöpfe; die Alteste auf dem rechten Flügel war vollbusig und schon stark ge- schnürt aber alle fünf hatten sie die gleichen koketten Sonnenschirme und Handtaschen und Königin-Luise- Strohhüte mit breiten Krempen und Bändern. Nur eine von ihnen, die Mittelste, sah Seelke etwas ähnlich.

Ja, das ist Lindchen, Papas Nesthäkchenv, gestand er, die Ssolltest du mal singen hören. Ein Stimmchen hat sie Zucker, sag ich dir, Zucker 1v Seelke begleitete das letzte Wort mit einem Schmatzen. Sein Gesicht glänzte wie mit Fett eingerieben, als er von den Triumphen seiner Lieb- lingstochter sprach. Schon als Sechsjãhrige war Lindchen in einem Rundfunk-Duett aufgetreten. Mit acht hatte sie den Gau-Sing-Preis des Jungvolks gewonnen und mit Zchn bei einer Erntedankfeier vor Baldur von Schirach und Dr. Goebbels Solo gesungen. Seelke bewahrte in seiner Mappe einen Zeitungsausschnitt mit dem Bericht über jene Feier auf. Die junge Siegelinde Seelke, so hieß es darin, sei vielleicht schon durch ihren Wagnerschen Rufnamen für eine spãtere Opernlaufpahn vorbestimmt. Der Satz war mit Rotstift dick unterstrichen.

Ja, Lindchen solle zur Oper, meinte ihr Vater träãume- risch und errõtete dabei bis unter den Ansatz seiner grauen Igelfrisur. Leider neige das Kind zu Erkältungen, und da sei gutes Schuhwerk natürlich unerläßlich. Aber ge- rade für Lindchen habe sich diesmal nichts Passendes ge- funden. Alles viel zu große Kähne. Es sei wirklich ärger- lich.

In dieser Weise ging es weiter. Man hätte meinen kön- nen, daß die frũheren Besitzer der Kähne Seelke zum Trotz (nur um Lindchen leer ausgehen zu lassen) große Schuh- nummern bevorzugt hatten. Dabei klang das alles nicht etwa gemacht, auch nicht zynisch, sondern durchaus auf- richtig, naiv.

Es dauerte eine gute Weile, bevor mir unheimlich zu-

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