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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
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sie immer ihr Unterhöschen aus, so daß wir,alles? zu schen bekamen. Nachher mußte Kurt ihr seine Angelrute leihen oder Eidechsen für sie fangen gewissermaßen als Gegen- leistung.

Weiter gab es auf jenen ersten Tagebuchseiten mehrere Beschreibungen von Wanderfahrten, ein lustiges Matura- gedicht und eine Reihe wirrer Betrachtungen über Gott und die Welt und- Lidka. Lidka war eine tschechische Stu- dentin, mit der meine Schwester Barbara Freundschaft schloß, als wir im Herbst 1935 aus unserer deutschböhmi- schen Heimatstadt R... nach Prag kamen: ich als Student und künftiger Lehramtskandidat, und Barbara, um sich zur Röntgenphotographin auszubilden.

Barbaras Verkehr und die Ansichten, die sie zu entwik- keln anfing, erregten das schärfste Mißfallen unseres Vor- munds und unserer Brüder. Onkel Helmut saß als Vertre- ter der Sudetendeutschen Partei im Stadtrat vonR.., Ger- hard und Kurt waren in der Ordnertruppe(wie sich die getarnte SA. in den Sudeten damals nannte), und Lutz, der in ein Gut, drüben im Reich, eingeheiratet hatte, trug schon seit Jahren die Uniform eines SS.Obertrupp- führers.

Ich stand zwischen Barbara und den andern. Für eine Weile zog es mich stark zu Barbara hin, zu Barbara und Lidka. Ich besuchte mit ihnen Versammlungen, in denen gegen die Nazis gesprochen wurde, und einmal trug ich mich auch, gemeinsam mit den Mädchen, in irgendeine Liste ein... Aber als es zum endgültigen Bruch zwischen Barbara und der Hamilie kam: als Onkel Helmut und Lutz mich vor die Wahl stellten, entweder jede Verbindung mit Barbara und ihren Freunden abzubrechen, oder auf meinen Monatswechsel zu verzichten, ließ ich es nicht erst auf ei- nen Kampf ankommen. Ich war anders geraten als meine Brüder, diese Raufboldnaturen und Hartschädel. Anders auch als die stille, aber standhafte Barbara. Ich fand es be-

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