Druckschrift 
Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
20
Einzelbild herunterladen

Mutter hob das schwarz-weiß karrierte Heft auf wie eine

Kostbarkeit. An meinem zwölften Geburtstag bekam ich es als Andenken an Vater geschenkt. Ich war damals etwas enttäuscht, denn meine Geschwister wurden mit wertvol- leren Stũcken aus der Hinterlassenschaft bedacht. Gerhard, als der älteste, erhielt Vaters Siegelring mit dem großen achteckigen Saphir; Lutz die silberne Uhr; Kurt eine Zi- garrenspitze aus Meerschaum. Und Barbara, obwohl sie die jüngste war und eigentlich mit dem geringsten Andenken hätte vorliebnehmen müssen, kriegte Vaters zweiten Ring, weil nãmlich Mutter der Meinung war, daß der Ring besser für ein Mãdchen passe, und weil ja das Tagebuch durch die Eintragung über meine Geburt ohnehin für mich bestimmt sei.

Ich versõhnte mich übrigens bald mit meinem Geschenk. Das Heft gewann in meinen Augen an Wert, als ich be- schloß, später einmal ein Gelehrter oder Dichter zu wer- den. War es nicht so etwas wie ein günstiges Vorzeichen, daß ich vom Augenblick meiner Geburt an ein Tagebuch besaß? Ich nahm mir vor, es sofort und regelmäßig in Ge- brauch zu nehmen, doch kam dieser Vorsatz erst vor an- derthalb Jahren, als ich schon Soldat war, richtig zur Ausführung. Vorher hatte ich allerdings schon, mit gro- Ben Unterbrechungen, etwa ein Dutzend Seiten vollge- kritzelt.

Da waren, ganz zu Beginn, die Herzensergießungen des Untergymnasiasten aus der Zeit, da unsere Phantasie be- gann, sich mit den Mãdchen zu beschäftigen. Wir lagen da- mals mein Bruder Kurt, ich und einige andere Jungen stundenlang im Garten unter der Schaukel, auf der Kusine Anneliese sich vergnügte. Anneliese war eine würdige Tochter Onkel Helmuts, unseres Vormunds: kalt wie eine Hundeschnauze, gierig, rücksichtslos; dabei gut gebaut und von einer robusten Schõnheit. Vor dem Schaukeln zog

20