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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
Seite
19
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und es ist ein stõrrischer, schmerzhafter Prozeß. Mir hat da- bei nichts so schr geholfen wie der Versuch, in diesen lan- gen Tagen des Stilliegens im Dunkel, das, was in meinem verlorenen Tagebuch aufgezeichnet war, Stück für Stück aus der Vergangenheit zu holen, zu ergänzen und zu klä- ren. Vielleicht kann meine Geschichte auch andern helfen. Darum mõchte ich sie nicht bloß im Kopfe mit mir herum- tragen; darum mõchte ich sie aufgeschrieben haben.

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Das Tagebuch, das mir verloren ging, war so alt wie ich selber. Mein Vater kaufte das dicke Heft mit den schwarz- weiß karrierten Wachstuchdeckeln im Vorfrühling 1917, wãhrend seines vorletzten Heimaturlaubs von der Front. Auf die erste Seite schrieb er in seiner runden Handschrift: Mit Gott ! Tägliche Aufzeichnungen des Sebastian Hol- ler, Richtkanonier im K. u. K. Feldhaubitzregiment Feld- zeugmeister Prinz von Lobkowitz, Nro 13. Doch die ge- samten täglichen Aufzeichnungen beschränkten sich auf einige wenige Zeilen: vro. Mãrz . Heute wurde mein vierter Sohn geboren. Er wiegt nur etwas über zwei Kilo. Ein Kriegskind. Wir werden ihn Hans nennen. Er hat blondes Haar und graue Augen nach der Mutter. v

Am Tage nach meiner Geburt mußte Vater zu seiner Bat- terie ins Feld zurũck. Im Trubel des Aufbruchs vergaß er, das zum Mitnehmen schon bereitgelegte Heft einzupacken. Ein Jahr später, bei seinem letzten Urlaub, unterlief ihm dasselbe Verschen. Das Heft blieh bei uns zu Hause. Als kurz darauf Vaters Regiment mit anderen õsterreichischen Truppen an die Westfront geschickt wurde, schrieb er an Mutter, sie möge doch der nächsten Sendung von

Tabak und Socken auch das Tagebuch beilegen. Doch bevor das Paket fertig war, kam die Nachricht von Vaters

Tod.