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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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russja. Pas kann nãmlich so ohne weiteres nur jemand ver- stehen, der an sich selber erlebt hat, was es heißt, dabeige- wesen zu sein, wennHimmelfahrtskommandos zusam- mengestellt oder Geiseln abgeholt oder Gefangene nieder- gemacht wurden. Ja, das war es, was uns am festesten hei der Stange gehalten hat, bei der verfluchten Hitlerstange: dieses Gefühl, mitschuldig geworden zu sein an einem tau- sendfãltigen Verbrechen, und einen so ungeheuren Haß er- zeugt zu haben, daß nur Meere von Blut ihn ertränken kön⸗ nen. Und nun weiß ich auch, Schwester Marussja, daß der Wahnwitz Methode hat. Es ist alles geplant und beabsich- tigt! Ich erinnere mich jetzt, da ich darũber nachdenke, daß uns einmal Unteroffizier Klahde in der Nationalsozialisti- schen Erzichungsstunde sagte: Leute, ihr müßt immer so handeln, als ob ihr in der gleichen Lage wäret wie die alt- germanischen Katten. Die ketteten sich vor der Schlacht aneinander; da konnte keiner ausspringen.» Glauben Sie mir, Schwester Marussja, die deutschen Soldaten sind alle aneinandergebunden wie die alten Katten: einer an den an- dern, und alle zusammen an die Untaten, die sie mitbegan- gen oder nicht verhindert haben. Das macht das Aussprin- gen für die meisten so schr schwer. Und dann kommt noch die Trãgheit des Herzens hinzu, das Sichgleitenlassen, das Nichtkãmpfenwollen gegen die Abstumpfung, und das Paktieren mit dem kleineren Ubel.

Es dauert lange, hevor unsereinem das alles bewußt wird. Vor ein paar Tagen hat mir mein Bettnachbar aus Goethes Wilhelm Meister' vorgelesen; da steht ein Satz darin, der kõnnte heute und über uns geschrieben sein: Gewöhnlich wehrt sich der Mensch, solange er kann, den Toren, den er im Busen hegt, zu verabschieden, einen Hauptirrtum zu be- kennen und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur Ver- zweiflung bringt.v

Ja, es dauert lange, bevor unsereinem das alles klar wird,

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