nicht wahr, ich werde Sie schen können, ich werde mein Augenlicht behalten?
Wie gut Sie Deutsch sprechen, Schwester Marussja. Ach ja, ich vergaß, man hat gern und viel Deutsch gelernt hier- zulande. Ich sche noch die Lehrbücher vor mir, auf dem Spielplatz der Schule von Glubokaja. aLeitfaden zur Erler- nung der deutschen Sprachev stand in Frakturbuchstaben unter einem kyrillischen Titel. Die hellgelben Bändchen la- gen, beschmutzt und blutbefleckt, zwischen den Leichen der Lehrerinnen und Schüler, die man vim Zuge einer Ver- geltungsmaßnahme für die Verbrechen ortsansäãssiger Hek- kenschützenꝰ abgeknallt hatte. Ein Anschlag der Komman- dantur verbot die Bestattung der Toten; sie sollten als war- nendes Exempel auf dem Hinrichtungsort liegen bleiben. Unter den Erschossenen war ein kleines Mädchen, nicht äl- ter als sieben, mit blonden Haarschnecken wie sie von den Gõren bei uns zu Hause getragen werden. Die meisten von uns waren zu abgestumpft, um auch nur die Augen abzu- wenden, aber einer der Alten, Reichardt, begann plõtzlich zu schreien: Das ist ja glatter Mord, so was 1v Er wurde da- für vom Oberfeldwebel angebunden. Sie wissen vielleicht nicht, wie das ist, Schwester Marussja. Man wird an einen Baum gefesselt, und nur die Fußspitzen berühren den Bo- den. Nach einer Stunde lãuft man blau an und verliert die Besinnung. Reichardt blieb drei Stunden angebunden. Er ging beinahe drauf dabei. Wir ließen es geschehen. Wir wa- ren eben nicht soweit. Und auch Reichardt selbst war da- mals noch nicht soweit, sonst hãtte er nicht nur geschrien, sondern gehandelt. Aber es ist verteufelt schwer, zu han- deln: ich meine, Schluß zu machen, überzulaufen. Nicht nur wegen der Offiziere und Unteroffziere und Gestapo - Spitzel. Nein, vor allem deshalb, weil man nicht schon frü- her, gleich zu Beginn, Schluß gemacht, weil man zuviel Schweigend geschluckt hat.
Das muß ich Ihnen wohl näher erklären, Schwester Ma-
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