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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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Offen gestanden, Schwester, ich glaubte dem Lazarett- kommissar nicht, als er mir sagte: Wir werden schon je- mand ausfindig machen, dem Sie Ihre Geschichte diktieren kõnnen, Hans Holler. Es wird sich sicher jemand melden. v Ich hielt die Worte des Kommissars für einen freundlichen Trost, ein Zeichen menschlicher Anteilnahme, und schon das war unerwartet viel. Aber jetzt haben Sie wieder Mühe, mich zu verstehen, Schwester. Ich weiß, ich weiß, es ist für euch nicht ganz einfach, so etwas zu begreifen, denn ihr drillt ja euren Soldaten nicht ein, daß sie aufhören müssen, Menschen zu sein, wenn sie die Uniform anzichen. Ihr glaubt ja nicht, daß der Weg zum Sieg nur über die Bestia- litãt führt(als oh das nicht, wie unser Beispiel zeigt, der sicherste Weg zur Niederlage wãre). Bei euch kennt man ja nicht diese Sonderbefehle: Werwundete Gefangene sind nicht erst zu machen l*, und auch nicht diese Ansprachen beim Appell, wie wir sie noch am Tage unserer Ankunft in der Frontstellung zu hören bekamen:«Nerven, Herz, Mit- leid existieren für euch nicht; die braucht man im Kriege nicht. Zu eurem persõnlichen Ruhm muß jeder von euch hundert Russen tõten, das ist das richtige Verhältnis. Ver- nichtet jedes Wesen, das in eurem Wege steht. Ihr werdet alle andern in die Knie zwingen. Der Deutsche ist der abso- lute Herr der Welt.v

Nein, ich glaubte nicht, daß sich jemand melden würde. Zu einer solchen Arbeit? In der Freizeit? Für einen deutschen Soldaten? Für einen verwundeten und gefan- genen, schön und gut, aber doch einen Soldaten jener Armee... nun, Sie wissen ja sclbst, wie sich die Wehr- macht des Großdeutschen Reiches auf fremdem Boden aufführt.

Schade, daß ich Sie nicht sehen kann, Schwester. Wie heißen Sie doch? Marussja? Ja, schade, daß ich Sie nicht sehen kann, Schwester Marussja. Aber ich werde Sie schen,

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