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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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bürgern der Hilfscomités das Schicksal der deutschen Juden Schmerz und Hilfsbereitschaft wachrief, so tat man hier diese Leiden mit einem Achselzucken ab. Die dort drüben ausgeraubt und verstoßen wurden, das waren für die spießig Gesättigten hier Ost­juden" ,,, Polacken", die man sich besser vom Halse hielt. Was hatten sie's nötig gehabt, sich in Politik einzumischen ,,, Revolution zu machen." Da hatten

sie's nun.

Man bezog das nicht auf Ruth. Niemand fiel es ein, daß sie leiden könnte unter solchen Gesprächen. Sie hatte es sich zur Pflicht gesetzt, völlig ruhig zu bleiben, niemals einen Protest zu äußern. Die Kinder, ein kleines, schwarzlockiges Mädel von vier Jahren und ein kluger Junge von sechs, waren zutraulich und vergnügt, sie tat ihr Bestes an ihnen. Um mehr hatte sie sich nicht zu kümmern.

Vielleicht wäre auch alles gut gegangen ohne die Besuche des Bruders der Hausfrau, der wöchentlich einmal mit der Familie zu Mittag. Dies war ein Junggeselle in den Dreißigern, von nicht ganz sicherer Eleganz, mit vom Rasieren bläulichen Backen, Inhaber eines Damenhutgeschäfts an der Shaftesbury­Avenue. Er gehörte zum Schlag der stets am besten Orientierten und galt hier als eine Art von Orakel. Immer hatte er den Brief eines Berliner oder Kölner Geschäftsfreundes in der Tasche, der bewies, daß es sich bei all diesen Geschichten um Erfindungen hand­le, um moskowitische Propagandalügen, einfach dazu 326