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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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Ludwig schlug einen Band auf, der nichts als Bilder enthielt.

Es waren die ,, Desastres de la Guerra ". Er kannte sie gut, kannte jedes einzelne radierte Blatt in der Sammlung. Aber er wußte schon, daß er diese ,, Kriegsgreuel" heute anders anschauen würde als ehemals. Was ihm selber die Brust zersprengen wollte, Nacht um Nacht, hier hatte einer die unbegreifliche Seelenkraft besessen, es Kunst werden zu lassen. Hier war mit unersättlicher Trauer, achtzigmal gestaltet, was der Mensch fühlte vor dem stumpfen Hohn der gemeinen Gewalt. Vor Verwüstung und schnöder Untat, die der Bestialismus wollte und organisierte und anpries- damals und heute und immer.

Achtzigmal Elend. Leichen, Leichen, Leichenberge am Boden. Kinder und Weiber vorm Flintenlauf. Da hockt ein Gepfählter mit abgeschnittenen Armen. Eltern suchen unter den Hingestreckten ihren Sohn. Im Spittel flehen taumelnde Skelette die Siechen um Hilfe an. Aufgereiht am Strick ziehen Opfer über die Heide. Männer in Ketten, knirschend im Mauerloch. Da baumelt einer am Baumstrunk, im letzten Hemd, vor ihm lagert sein Henker, in behaglicher Pose, ge­nießend. ,, Den wären wir los," steht darunter.

Hingekritzelte Aufschreie überall: ,, Barbaren!"- ,, Wilde Tiere sind das!"- ,, Seid Ihr dazu geboren!" ,, Da hilft kein Weinen."- ,, Ich hab's gesehen!"

Unter einem Blatt aber, fast am Ende der Reihe, standen diese Worte: ,, Die Wahrheit starb." Da liegt 306